"Eine Feier der Vermissten" - Christian Boltanski im Gespräch mit Meinrad Maria Grewenig

Christian Boltanski, Sie haben mehrmals das Weltkulturerbe Völklinger Hütte besucht.  Wie haben Sie dieses Industriekulturdenkmal empfunden?

Dieser außergewöhnliche Ort hat mich sehr beeindruckt. Er ist von großer Stärke geprägt, man erfühlt die ganze Menschlichkeit, die in diesem Industrietempel gelebt und gearbeitet hat.

Zu Hochzeiten arbeiteten in der Völklinger Hütte über 17.000 Menschen am Tag. In den Jahren 1915 bis 1917 haben nach Angaben aus der Firmenchronik bis zu 1.446 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in der Völklinger Hütte gearbeitet. Während des Zweiten Weltkrieges waren es 12.393 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus 20 Ländern in der Völklinger Hütte. Was reizte Sie, Christian Boltanski, daran, im „Herzen“ dieser Völklinger Hütte, der Sinteranlage, einen Erinnerungsort für die Zwangsarbeit zu gestalten?

Nichts ist mehr übrig geblieben von all den Menschen, die verschwunden sind. Ich wollte sie so weit wie möglich vor dem Vergessen bewahren, zumindest mehr auf kollektivere als individuelle Weise. Ich möchte, dass der Besucher von der Tatsache bewegt wird, sich gleichzeitig in diesem Industrieort zu finden und die Anwesenheit all derer zu spüren, die dort gearbeitet haben.

Inzwischen konnten wir in einem großen Forschungsprojekt alle Namen der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter auf der Völklinger Hütte ermitteln und die Umstände ihres Arbeitens beschreiben. Welchen Zugang ermöglicht Ihre Installation über diese Forschungsarbeiten hinaus?

Was wahrscheinlich am Wichtigsten bei meiner Arbeit in der Völklinger Hütte ist, dass die Namen gesagt und wiedergesagt werden, um jene lebendig zu machen, die nicht mehr hier sind. Es ist eine echte Feier der Vermissten.

Besucherinnen und Besucher erleben die große Installation "Erinnerungsort für die Zwangsarbeit" in der Völklinger Hütte von Christian Boltanski nicht nur indem sie diese wie ein großes Bild anschauen, sie müssen sich mitten hinein in diese Installation begeben. Ist es das Ziel Ihrer Arbeit Menschen zu bewussterem Erfahren zu verändern?

Ich sage immer, dass man nicht vor etwas stehen sollte, vor einem Kunstwerk, sondern dass man sich in das Innere dieses Werkes begeben sollte.  So dass das Sich-Hineinbegeben in dieses Werk zu einem Teil des Werkes wird.

Sie haben beim Rundgang durch die Völklinger Hütte unter anderem die Arbeiter-Spinde neu entdeckt. Was hat Sie zu der zweiten großen Installation in der Völklinger Hütte inspiriert?

Diese Schränke sind wie ägyptische Gräber von jedem Arbeiter. In ihnen befinden sich kleine Schätze, die jeder Arbeiter für sich aufbewahren wollte: ein Foto von jemandem, ein persönliches Stück. Diese Schränke sind die verborgenen Schätze einiger Arbeiter, und nicht nur für die Zwangsarbeiter, sondern auch für alle ehemaligen Arbeiter der Hütte. Es war sehr wichtig für mich, nicht nur über Zwangsarbeiter zu sprechen, sondern über all jene, die dort lebten und ich möchte, da dieser Ort jetzt geschlossen ist und seine Funktion geändert hat, die Erinnerung an alle behalten, die diesen Ort geprägt haben. Die Aussagen von den ehemaligen Arbeitern sind für mich wertvolle Worte.

Was erwarten Sie von den beiden großen Installationen im Weltkulturerbe Völklinger Hütte?

Es ist immer aufregend für mich, an Orten der Erinnerung zu arbeiten. Museen und White Cubes sind Orte, an denen ich manchmal arbeite, aber ich schätze es nicht so sehr. Sobald ich einen Ort voller Geschichte wie die Völklinger Hütte finde, ist es viel aufregender für mich, eine Art Collage zwischen diesem bestehenden Ort und meiner Arbeit zu schaffen.


Das ungekürzte Gespräch zwischen Christian Boltanski und Meinrad Maria Grewenig findet sich im Katalogbuch zu den Installationen von Christian Boltanski in der Völklinger Hütte


English VersionVersion français


http://whc.unesco.org/en/list/687/http://www.ecsite.eu/?p=4239http://www.erih.net/nc/de/ankerpunkte/deutschland/detail.html?user_erihobjects_pi2[pointer]=0&user_erihobjects_pi2[mode]=1&user_erihobjects_pi2[showUid]=15320&user_erihobjects_pi2[country]=1&user_erihobjects_pi2[regionalroute]=0&user_erihobjects_pi2[anchorOnly]=1&user_erihobjects_pi2[membersOnly]=0