Webtagebuch 22. September

„Ich habe“, so sagte der König unter Anderem, „schon manche schöne Reise in ferne Länder gemacht (…), aber keine, die mir so andauernd innige Befriedigung gewährt hätte wie diese durch meine heimischen Berge und Wälder. (…) Es gereicht mir zu großer Freude, dass auch sie sich Alle so gut amüsiert haben“, schreibt F. von Bodenstedt in seinem Buch „Eine Königreise“.

König Maximilian II hatte im Sommer des Jahres 1858 eine Reise durch die Bayerischen Alpen unternommen, vom Bodensee nach Berchtesgaden unterwegs. Einer seiner Begleiter, Friedrich von Bodenstedt, beschrieb anschließend in seinem Buch sehr unterhaltsam die Erlebnisse unterwegs. Meist war der König zu Pferd unterwegs, allerdings bestieg er auch Berge wie den Grünten oder den Wendelstein. Übernachtet wurde in einfachen Gasthöfen aber auch im Schloss Hohenstaufen.

Die historische Reise des Königs unterscheidet sich vom heutigen Wegverlauf des Maximiliansweges: Maximilian II. reiste über Sonthofen, Füssen, Garmisch und weiter über Kreuth und den Achensee. Der Tegernsee, Schliersee und Kufstein waren weitere Stationen. Es folgten Reit im Winkl, Kössen und Lofer, ehe die Reise in Berchtesgaden endete.

Der Alpenverein belebt seit den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts den Maximiliansweg wieder neu, allerdings mit veränderter Route. Der Weg startet in Lindau am Bodensee startet und endet nach 320 Wanderkilometern in Berchtesgaden.

In den nächsten drei Wochen werde ich den Maximiliansweg vom Südosten Deutschlands in Berchtesgaden in den Südwesten Deutschlands zum Bodensee wandern.

In seinem Buch „Maximiliansweg – Auf der Königsroute von Lindau nach Berchtesgaden“ beschreibt Eugen E. Hüsler 22 Tages-Etappen mit Detailkarten und Höhenprofilen.

Im Vorwort zu seinem Buch steht: „Tage, Wochen unterwegs sein zwischen Tal und Berg, mit minimalem Gepäck, aber für Eindrücke offen. Unterwegs sein bei (fast) jedem Wetter, nicht aufgeben, wenn’s auch mal in der Wade zwickt oder die Motivation schwindet. Reisen wie anno dazumal, Schritt um Schritt, dabei bewusst auf das schnelle Erlebnis verzichtend. Sie mag einem altmodisch vorkommen, diese langsame Fortbewegungsart des Wanderns, doch seine Sicht der Dinge ist nach wie vor unerreicht: Sie lässt ihm Zeit, die Bilder rundum aufzunehmen, innezuhalten, nachzudenken….Wann sonst ist es uns noch möglich, eine eigene Zeit zu schaffen: die unseres Schrittes“.

Seit einem halben Jahr bin ich unterwegs, schaffe meine eigene Zeit. Keinen Tag davon möchte ich missen. Nun steht eine neue Herausforderung vor mir und Emma: über die Alpen von Berchtesgaden zum Bodensee. Drei Tage habe ich mich im Schatten des Watzmanns ausgeruht. Im Hotel Bavaria mit Panoramafenstern zum Watzmannmassiv konnte ich Körper und Seele baumeln lassen. Nun bin ich bereit die Herausforderung anzunehmen.

Ich habe, um es mit den Worten Maximilians II zu sagen, so manche Reise in ferne Länder gemacht, aber keine dieser Reisen, hatte die Nachhaltigkeit, die bereits jetzt meine Deutschlandreise für mich hat.

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Webtagebuch 21. September

Als ich gestern in einem Andenken- und Souvenirladen eine Glaskugel entdeckte, deren Inhalt aus einer schwarzweißen Plastikkuh, Wasser und Glimmerglitzer bestand, habe ich sie in Erinnerung an Omas Mitbringsel sofort gekauft. Ein Fehler.

Heute bin ich durch fast alle Gassen von Berchtesgaden gelaufen und habe viel Spannendes und Kurioses entdeckt. Abseits der Touristengassen gibt es in Berchtesgaden viel zu entdecken. Im Haus der Geschenke, der ehemaligen Holzschnitzerei Zechmeister (gegr. 1867), bin ich dann fündig geworden: eine Halbglaskugel mit absolut kitschigem Inhalt. Wenn sie geschüttelt wird, fällt Schnee so wie vor fünfzig Jahren, als mir meine Großmutter eine ebensolche vom Andenkenladen aus Berchtesgaden mitbrachte. Der kleine Gummistopfen auf der Unterseite des Plastikbodens ist ebenfalls vorhanden. Auf der Deckelunterseite der Hinweis, dass der Inhalt nicht zum Verzehr geeignet ist. Ob meine neuste Errungenschaft antiquarisch einzuordnen ist, weiß ich nicht. Jetzt besitze ich eine moderne und eine antiquarische Fassung. Die eine mit Glitzerglimmer, die andere mit Schneeflocken. Beide habe ich so fotografiert, dass das Watzmannmassiv den Hintergrund darstellt.

Der Watzmann ist der alles überragende Berg am Königsee. Während meines Aufenthalts in Berchtesgaden hatte ich das Vergnügen jeden Morgen zu beobachten, wie die dicken Nebelwände von den Sonnenstrahlen aufgelöst wurden. Meistens begann das Frühstück mit verschleiertem Berg, nichts zu sehen von der gewaltigen Bergkulisse. Und plötzlich, wie von Geisterhand, erkenne ich die ersten Berggipfel und Bergzacken, während unten im Tal die Autos mit Scheinwerfern durch den Nebel tasten.

Innerhalb von nur wenigen Minuten lag dann das Massiv direkt vor meinen Augen. Am Abend das gleiche Schauspiel, wenn die Sonne hinter den Bergen versinkt. Der Berg dunkelt nach und nach zur Finsternis, bis er irgendwann total in der Dunkelheit verschwunden ist. Nur die Helligkeit des Mondes, der in diesen Tagen in voller Pracht am sternenklaren Himmel steht, lässt die Konturen des Massivs erkennen.

So allmählich kann ich erahnen, weshalb meine Großeltern Jahr für Jahr in die wunderschöne Gegend gereist sind. Ich denke, nach meiner Deutschlandumrundung werde ich an diesen Ort wieder zurückkehren.   

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Webtagebuch 20. September

Der lachende Vagabund

Was ich erlebt hab’, das konnt’ nur ich erleben.
Ich bin ein Vagabund.
Selbst für die Fürsten soll’s den grauen Alltag geben.
Meine Welt ist bunt, meine Welt ist bunt.
Ha, Ha, Ha, Ha…

Soweit die erste Strophe des Liedes, das Fred Bertelmann in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gesungen hat. Wenn dann sein unvergleichliches Lachen erklang, mussten wir meiner Großmutter das Taschentuch reichen. Sie wollte das Lied immer wieder hören, ab es flossen auch regelmäßig Tränen.

Sie hatte die Single-Schallplatte von einem Urlaub in Berchtesgaden mitgebracht. Ich weiß nicht mehr wie oft sie gemeinsam mit Opa im Berchtesgadener Land Urlaub machte. Aber die vielen Mitbringsel, die meinem Bruder und mir jährlich zukamen, deuten darauf, dass sie immer wieder zum Königsee zurückkehrte. Die Lederhosen, die ich als Kind tragen musste, die Kniestrümpfe und weiß-blauen Hemden stammten allesamt aus Berchtesgaden. Ebenso die Glaskugeln mit kitschigem Inhalt. Wenn man sie schüttelte schneite es auf die Kirche von St. Bartholomä. Kindheitserinnerungen, die lange zurückliegen, die nun hier in Berchtesgaden und am Königsee zurückkehren.

Noch bevor ich meine nonstop zu Fuß Deutschlandumrundung startete, hatte ich mir vorgenommen, in Berchtesgaden auf den Spuren meiner Großmutter und meines Großvaters unterwegs zu sein. Was hatte die Beiden so begeistert, dass sie immer wieder hierher zurück kamen?

Zum einen war es sicherlich die fantastische Bergwelt rund um Berchtesgaden mit dem Blick auf den Watzmann und die umliegenden Berge, der Königsee und die Überfahrt nach St. Barholomä.

In Erinnerung an meine Großeltern sitze ich dann im Boot mit Blick über den See und dem sagenhaften Blick auf die Ostwand des Watzmanns. Bis St. Bartholomä sind es 5 Kilometer über den See. Das batteriebetriebene Boot erreicht eine Geschwindigkeit von 12 km/h. In der Mitte des Königsees stoppt der Kapitän sein Boot und spielt mit kleinen Pausen ein Stück auf der Trompete. In den Pausen ist das Echo gut zu hören. Die Halbinsel St. Bartholomä mit Kirche und zwei Gasthäusern kommt immer näher. Die Halbinsel schiebt sich wie eine Landzunge in den Königsee. Im Laufe der letzten 10.000 Jahre wurde die Insel vom Eisbach aus dem Verwitterungsschutt der Watzmannwände aufgeschüttet. Die erste „Basilica in Künigsee“ wurde 1134 geweiht. Im Kern romanisch, erfolgten von 1698 bis 1710 verschiedene Umbauten und eine Barockisierung. Die Wallfahrtskirche ist Endpunkt der traditionellen Wallfahrt von Maria Alm im Salzburger Land über das Steinerne Meer.

Der Königssee liegt im Herzen des 1978 gegründeten Nationalparks Berchtesgaden. Die höchste Erhebung des Nationalparks bildet der Watzmann mit 2713 Meter. Die Ostwand ist mit 1800 Meter reiner Wandhöhe, die höchste Wand der Ostalpen. Der Sage nach wurde im Watzmannmasiv ein grausamer König mit seiner Frau und seinen sieben Kindern versteinert.

Morgen werde ich weiter in Erinnerung an meine Großeltern unterwegs sein. Vielleicht finde ich in einem der vielen Andenkenläden eine Halbkugel, in der es schneit, wenn ich sie schüttele.

Auch meine Welt ist bunt wie die des Vagabunden von Fred Bertelmann. Was ich erlebt, das konnt’ nur ich erleben.

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Webtagebuch 19. September

Die Wetterprognose von gestern trifft zu. Fast alle Wolken haben sich über Nacht auf und davon gemacht. Zu Beginn unserer Wanderung versperrt dichter Hochnebel die Sicht auf die Bergriesen um uns herum.

In Bad Reichenhall verlasse ich mit Emma die Saalach, um in südöstlicher Richtung nach Berchtesgaden zu wandern. Dort werde ich drei Tage auf den Spuren meiner Großmutter unterwegs sein. Aber davon morgen mehr.

Die historischen Wurzeln von Bad Reichenhall reichen weit in die Vergangenheit zurück. 1159 wurde Reichenhall urkundlich erstmals als „Stadt“ (civitas) bezeichnet, wobei Bad Reichenhall schon auf eine über 4000 Jahre alte Salzgeschichte zurückblicken kann. Leider bleibt keine Zeit die Stadt zu erkunden.

In der Tourismuszentrale entdecke ich ein interessantes Plakat: Zum Gedenken an die verstorbenen Zöllner und Zöllnerinnen findet alljährlich am dritten Sonntag im September am Pfaffenkegel die Zöllner-Bergmesse statt. Diese Tradition ist zurückzuführen auf den tragischen Bergtod des Zollbeamten Albert Hirschbichler im Jahre 1959. Zu seinem Gedenken steht auf dem Pfaffenkegel ein Kreuz. In diesem Jahr findet die Bergmesse zum 48. Mal statt. Leider bin ich zu Fuß auf dem Weg nach Berchtesgaden unterwegs. Ich hätte sehr gerne an der Bergmesse teilgenommen.

In den letzten Tagen haben zwei Frauen meinen Weg gekreuzt, deren Lebensplanung und Lebensvorstellung unterschiedlicher nicht sein können. Maria kam als 16 jährige durch die Wirren des Balkankrieges von Kroatien nach Deutschland. Ihr Vater arbeitete in Hamburg, sie fand ein Heim bei ihrer Tante in Heidelberg. Mit achtzehn Jahren wollte sie selbständig sein, eigenes Geld verdienen und ihr Leben selbst bestimmen. Seit dieser Zeit arbeitete sie in verschiedenen Regionen Deutschlands in der Gastronomie. „Dort wo ich mich wohlfühle“, erzählt sie mir, „bin ich zu Hause“. Vielleicht wird sie einmal nach Kroatien zurückkehren. Wer weiß wohin der Wind sie treibt.

Renate treffe ich am Ufer der Salzach. Sie ist mit dem Fahrrad und ihrem Hund Benny unterwegs. In Bad Reichenhall geboren, hat sie niemals die nähere Umgebung ihrer Geburtsstadt verlassen. „Der Wunsch war da, aber ich habe mich nie getraut aus meiner Heimat wegzugehen“, erzählt sie mir, während Emma und Benny herumtoben. Nun lebt sie in der Nähe mit ihrem Mann und den zwei Kindern und ist zufrieden so wie es gekommen ist. Lange Ausflüge mit ihrem Hund und die Tätigkeit als Fitnesstrainerin sind ein wichtiger Ausgleich zum Familienleben.

Die Bundesstraße 20, die Bad Reichenhall mit Berchtesgaden verbindet, ist während der Wanderung meistens in hörbarer Nähe. Kurz vor Hallthurm wird sie dann auch überquert. Der Weiler Hallthurm hatte in früheren Zeiten eine wichtige strategische Bedeutung: „ Der kriegerische Einfall von Reichenhaller Bürgern in Berchtesgaden und die Zerstörung der dortigen Saline führte um das Jahr 1194 zur Errichtung einer Sperranlage. Ein zentral gelegener Turm mit Torhaus richtete sich gegen Reichhall – damals Hall genannt – und daher auch die Bezeichnung Hallthurm. Gleichzeitig sollte er das Land der Augustiner-Chorherren von Berchtesgaden vor weiteren feindlichen Übergriffen schützen. Bei der Standortwahl entschied man sich für die engste Stelle zwischen Unterberg und Lattengebirge“.

Eine alte Säule mit Kilometerangaben zeigt uns in Hallthurm an, dass wir noch 11,2 Kilometer bis Berchtesgaden unterwegs sein werden. Auf dem Maximiliansweg wandern wir weiter über Bischofswiesen nach Berchtesgaden. Vom Speisesaal meiner Unterkunft zeigt sich der Watzmann in voller Größe. Morgen werde ich mit Emma zum Königssee wandern, um mit dem Schiff nach St. Bartholomä zu fahren.

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Webtagebuch 18. September

Nach den Wirren der napoleonischen Kriege (1800 – 1810) kam es wiederholt zu wechselnden Staatsangehörigkeiten der Bevölkerung an Salzach und Saalach. 1810 fiel das Land Salzburg dem Königreich Bayern zu, nach einer erneuten Grenzziehung 1816 wurde es dem Kaiserreich Österreich zugesprochen. Ausgenommen davon waren die Gebiete westlich der Salzach und Saalach, da die beiden Flüsse mittig zur Staatsgrenze zwischen Bayern und Österreich bestimmt wurden. Freilassing blieb damit bayerisch.

Freilassing war zuvor innerhalb des Kirchdorfs Salzburghofen nur ein kleiner Ortsteil. Durch die Grenzziehung 1816 und den Bau der Eisenbahn 1860 rückte die Grenzgemeinde immer mehr in den Vordergrund. Zum 1. Januar 1923 bekam die Gemeinde Salzburghofen die neue amtliche Namensbezeichnung Freilassing.

Am Zusammenfluss von Salzach und Saalach gelegen, wuchs das ehemalige Bauerndorf zum Mittelzentrum des Rupertswinkels im Landkreis Berchtesgaden. 1954 verlieh der Freistaat Bayern die Stadtrechte an Freilassing.

Am Stadtrand, direkt am Ufer der Saalach gegenüber der Stadtgrenze von Salzburg, starte ich mit Emma zu meiner nächsten Wanderetappe.

Am frühen Morgen herrscht enormer Flugverkehr auf dem nahe gelegenen Salzburger Flughafen. Düsenjets mit ausgefahrenen Landeklappen und Rädern donnern über unsere Köpfe hinweg. Ein ohrenbetäubender Lärm. Emma zieht den Schwanz ein und würde am liebsten davonjagen. Bald wir es ruhiger, die ersten Jogger und Radler kommen uns wortlos entgegen. Wir wandern durch altes Keltenland. Ihr Königreich „Noricum“ reichte im Westen bis zum Inn. Mittelpunkt des Königreichs war Salzburg. Auf dem Festungsberg, dem Rainberg und dem Kapuzinerberg (Höhlensiedlungen) können Fundorte besichtigt werden.

In Hammerau, das wir wenig später passieren, wurde vor wenigen Jahren eine grenzüberschreitende Fußgängerbrücke über die Saalach gebaut: „Gewidmet dem grenzüberschreitenden Europa-Gedanken, der die Menschen der Regionen vereinen soll. Nicht Mauern bauen, sondern Brücken zwischen den Menschen errichten“. An der Uferböschung blühen die letzten Sonnenblumen. Die Sonne zeigt sich nur selten an diesem Samstag.

Bad Reichenhall erreichen wir am Ufer der Saalach. Tief hängende Wolken verdecken den Blick auf die Berge, die mich und Emma in den nächsten Wochen erwarten. Die Wetterprognose für die nächsten Tage verspricht  Sonnenschein und gute Fernsicht.     

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Webtagebuch 17. September

Stille Nacht! Heilige Nacht!
Alles schläft. Eynsam wacht
Nur das traute heilige Paar.
Holder Knab’ im lockigten Haar,
Schlafe in himmlischer Ruh!
Schlafe in himmlischer Ruh!

Soweit der Originaltext der ersten Strophe eines Liedes, das jeder kennt. Zu Heiligabend 1818 in der Kirche St. Nikolaus in Oberndorf wurde es zum ersten Mal gesungen. Die Grenzorte Oberndorf und Laufen sind durch eine Fußgängerbrücke und eine Autobrücke über die Salzach miteinander verbunden. Oberndorf gehört zu Österreich, Laufen zu Deutschland.

Bevor ich mit Benjamin und Emma meinen Weg entlang des Grenzflusses fortführe, besuchen wir Oberndorf, um etwas über ein Lied zu erfahren, das an Weihnachten in den meisten Wohnstuben gesungen wird. An der St. Nikolaus Kirche in Oberndorf erinnert eine Bronzeplastik an die beiden Protagonisten des Liedes: Joseph Mohr, von 1817 -1819 Hilfspfarrer in Oberndorf, hatte bereits 1816 in Mariapfarr im Lunggau den Liedtext geschrieben. Er bat Franz Xaver Gruber, seinerzeit Organist in Oberndorf, für den von ihm verfassten Text eine Melodie zu komponieren.

Um die Uraufführung des Liedes ranken sich viele Legenden, die die Entstehungsgeschichte mit anekdotischen Einzelheiten ausschmücken. Der Text und die Melodie begeisterten die in der Kirche anwesenden Gemeindemitglieder. Begleitet wurde der Gesang in der Uraufführung nur durch eine von Joseph Mohr gespielte Gitarre.

Dass dieses Lied über Oberndorf hinaus bekannt wurde, wird dem Orgelbaumeister Mauracher zugeschrieben. Als er 1832 mit anderen Musikern in Leipzig Tiroler Lieder vorführte, gewann vor allem diese Melodie die Aufmerksamkeit des Publikums. Von dort aus trat das Lied seinen Siegeszug durch die deutschen Länder und um die ganze Welt an. Heute gibt es Übersetzungen in mehr als 300 Sprachen und Dialekte.

Entlang der Salzach wandern wir weiter Richtung Süden. Bereits die Kelten hatten einen Namen für die Salzach: „Igonta“ ist der erste überlieferte Namen. Die Namen Salzach und Salzburg leiten sich vom lateinischen Sal für Salz ab. Auch die griechisch-indogermanische Bezeichnung „hals“ oder „halys“ für Salz findet sich noch in Ortsnamen wie Hallein und Bad Reichenhall. Das im Einzugsgebiet der Salzach bei Hallein, Bad Reichenhall und Berchtesgaden vorkommende  „Weiße Gold“ wurde über die Salzach und den Inn bis Passau verschifft. Über die Goldenen Steige wurde es dann auf dem Landweg bis nach Böhmen transportiert. Heute ist die Salzach nicht mehr schiffbar. Nur ein so genanntes Pätterboot bringt Touristen von Tittmoning nach Burghausen flussabwärts. Als uns vor zwei Tagen ein Pätterboot entgegenkam waren mehr Bierflaschen an Bord als Passagiere.

Kurz vor Freilassing verlassen wird die Salzach und wandern weiter entlang der Saalach. Vor der Mündung der Saalach in die Salzach, ist die Saalach Grenzfluss zwischen Österreich und Deutschland. Entlang dieser Grenze wandern wir die letzten Kilometer bis Freilassing. Mein Sohn muss zurück ins Saarland. Wir hatten gemeinsam ein kurzweilige Woche und viel Spaß miteinander. Vielleicht wird er zu zwei Alpenetappen wieder kommen. Ich freue mich jetzt schon darauf.

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Webtagebuch 16. September

Als ich Lukas Meindl vor einigen Jahren während der Messe TourNatur in Düsseldorf von meinem Vorhaben erzählte, Deutschland nonstop zu Fuß entlang der Grenze zu umrunden, war er total begeistert von der Idee. Nun wandere ich von Beginn an mit meinen Meindl-Wanderschuhen und habe weder Druckstellen, Blasen oder andere Beschwerden. Als ich vor über einem halben Jahr verschiedene Modelle ausprobierte, hatte ich schnell „mein Wohnzimmer für die Füße“ gefunden.

Unweit des Weges von Tittmoning nach Laufen liegt Kirchanschöring. Selbstverständlich, dass ich bei meinem Schuhsponsor zu einer kurzen Stippvisite vorbeischaute.

Seit elf Generationen stellt die Familie Meindl in Kirchanschöring Schuhe her. Bereits 1683 wurde Petrus Meindl als Schuhmacher urkundlich erwähnt. Im Steuerkataster Nr. 14228 der Gemeinde aus dem Jahr 1813 findet man folgenden Eintrag: „Haus Nr. XV beim Schuster: Besitzerin Maria Meindlin, genannt Schusterhäusl mit der Schuhmachergerechtigkeit“.

Nach dem 1. Weltkrieg übernimmt Lukas Meindl die Schuhmachertradition von seinen Eltern und machte sich selbständig. In der Familienchronik heißt es: „ Mit eisernem Fleiß und Glück in seinem Unternehmen kaufte Lukas Meindl im Jahre 1934 eine gebrauchte Nähmaschine im Wert von 30 Mark und begann die erste Herstellung von Lederbekleidung. Damals arbeiteten zwei Gesellen in der Firma“.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg Alfons Meindl in den elterlichen Betrieb mit damals zehn Beschäftigten ein. Er erweiterte das Produktionsprogramm und besuchte die Messe in München mit Meindl-Schuhen.

Hubert Hillmaier  bestieg bei seiner Everest-Lhotse-Expedition mit Meindl-Schuhen das Dach der Welt.

Seit einigen Jahren leiten nun Lukas und Lars Meindl das Familienunternehmen. Die Marke Meindl gilt heute bei Millionen Bergsteigern und Outdoorbegeisterten als zuverlässiger Partner, wenn es um Schuhe für jedes Gelände geht. Auch Bundeswehr-Soldaten und Sondereinsatz-Kommandos der Polizei tragen Schuhe aus Kirchanschöring.

Während unseres Besuchs im Schuhhaus-Meindl zeigt uns Lukas Meindl eine Sammlung von Schuhen, die den Grundstock fürs künftige Meindl- Schuhmuseum bilden sollen. Jeder Schuh, so Lukas Meindl, hat seine Geschichte, diese Geschichten wollen wir den Besuchern unseres Hauses näher bringen. Vielleicht werden auch meine Schuhe einmal im Schuhmuseum zu sehen sein: 5000 Kilometer nonstop rund um Deutschland. Auch eine Geschichte.

Während der Besichtigung der Produktionsräume beginnt Emma ordentlich zu schniefen. Der Geruch von Leim liegt in der Luft. Lukas Meindl führt uns durchs Herzstück der Produktionsstätte und erklärt die einzelnen Arbeitsschritte. 230 Mitarbeiter sorgen dafür, dass die Produkte aus Kirchanschöring optimal verarbeitet auf den Markt kommen. Über eine Million Schuhe verlassen jährlich den Standort in Bayern. Der Export geht derzeit in 47 Länder.

Mit frisch geputzten Schuhen, eingecremt und imprägniert verlassen wir die Produktionsstätte meines „Fußwohnzimmers“. „Sie sind vom vielen Asphalt schon etwas abgelaufen“, meint Lukas Meindl lachend „aber die letzten 1000 Kilometer werden sie gut überstehen“.

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Webtagebuch 15. September

Es war äußerst spannend, die Flaschenpost, die wir gestern aus dem Grenzfluss Salzach gefischt haben, zu öffnen und zu lesen:

„Sei gegrüßt, Welle um Welle sind diese Zeilen gewandert – immer dem Strom folgend. Welch Licht mag durch diese grünen Wandungen getreten sein? Welch trübe Wogen haben sie mal turbulent, mal sanft immer dem Meer zu getrieben. Begonnen haben sie ihren Weg in Salzburg. Flossen aus der Hand eines Träumers direkt auf unschuldiges Papier. Des Träumers Name sei später genannt.

Gehe behutsam um mit dem was du aus den Fluten gefischt hast. Es sind Gedanken, Träume, Spinnereien, die gerne in Gesellschaft weiterreisen wollen. Vielleicht ist dir nach ein paar Zeilen, danach, einen Teil von dir mit auf die Reise zu schicken… weiter, immer weiter in noch so manch eine Hand.

Vielleicht steht dir auch der Sinn danach, einem Träumer eine Freude zu machen und ein kleines Zeichen in seine Heimstatt zu senden. So tue, wonach dir ist. Doch egal, ob dieses Glas lange bei dir weilt, ein Stück deines Selbst erkennen darf, ob es mit dir auf weite Reise geht, oder ob es nur wenige Momente in deinen Fingern weilt… es drängt doch wieder zurück in kühles Nass.

Was auch immer du tust, wo du bist, was dich treibt, ein stiller Wunsch soll dich ereilen, der eines Träumers, einer einfachen Natur…. leb wohl“.  (30.7.2008)

„Grüße auch von mir, du kleiner Abenteurer, der du dieses Papier in der Hand hältst! 1½  Jahre liegt die Flaschenpost bei uns im Haus, seit meine Brüder sie in Oberndorf gefunden haben. Aber heute am letzten Ferientag ist mir danach, sie dem Träumer zu liebe wieder in die Salzach zu werfen. Denn du musst wissen, dass ich es bin, Marina, die zum Meer Gehörige und mein Element ist das Wasser. Hoffentlich bist du Feuer und Flamme von der Idee begeistert, die Post ein weiteres Mal auf den Weg zu schicken. Aber ich bin ganz Wasser und Welle“…  (13.9.2010)

Der Grenzgänger wird heute einige Zeilen hinzufügen, und die Post wieder der Salzach übergeben. Ob sie jemals das Meer erreichen wird?

Vor unserer Wanderung Richtung Süden entlang der Salzach entdecken wir in Tittmoning am Marktplatz das Benedikt Palais. Davor eine modere Büste Papst Benedikt des XVI.

Entlang der Salzach wandern wir fünf Stunden bis Laufen, linker Hand der Fluss, rechter Hand Flußauen, Altarme und Auenwälder. Ein Spaziergänger, der am anderen Ufer seinen Hund ausführt, ruft uns ein freundliches „griast eich“ herüber. Ein völlig ereignisloser Wandertag. Wie gut, dass mich Benjamin begleitet.

Ganz in der Nähe von Laufen liegt Kirchanschöring. Dort werden wir morgen die Firma Meindl besuchen. Schließlich ist das „Wohnzimmer für meine Wanderfüße“ in der Werkstatt der Firma Meindl hergestellt worden.

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Webtagebuch 14. September

Marktl liegt noch unter einer dicken Nebelwand, als wir uns bereits vor 8.00 Uhr auf den Weg zur Grenzstadt Burghausen an der Salzach machen. Wir wandern einige Stunden durch ein großes Waldgebiet auf den Spuren Papst Benedikts XVI. zwischen Salzach und Inn: der Benediktweg verbindet auf vielen Kilometern verschiedene Lebensstationen des Papstes.

Über Jahrhunderte ist Bayern durch das Wirken der Benediktiner geprägt worden. Deshalb gilt Bayern auch als „Terra Benedictina“. Das Wirken des Ordens hat auch bei Josef Ratzinger Spuren hinterlassen. Er hat den Namen des Mönchsvaters und Patrons des Abendlandes Benedikt angenommen.

In Burghausen trifft uns das hektische Stadtleben mit voller Macht. Am Stadtrand herrscht Baulärm durch Straßenbauarbeiten, der Verkehr wird auf unseren Wanderweg umgeleitet. Erst als wir die Burganlage von Burghausen erreicht haben, ist es wieder angenehm ruhig. Die Burg oberhalb der Salzach ist mit eintausendeinundfünfzig Metern die längste Burganlage Europas. Im 18. Jahrhundert wurde die Burganlage nach dem System des Festungsbaumeisters Marschall Sébastian de Vauban erweitert, im 19. Jahrhundert von Napoleon modernisiert. Wie ein großes Dorf zieht sie sich mit ihren Mauern, Zinnen, Türmen und Kapellen über die schmale Bergzunge bis zum Felsvorsprung über der Salzach.

Unterhalb der Burganlage erstreckt sich die malerische Altstadt von Burghausen entlang der Salzach: verträumte Gassen und Winkel, Straßencafés und kleine Geschäfte. Wir wandern über die Brücke nach Ach in Österreich und haben von der Außenterrasse eines kleinen Cafés einen Bilderbuchblick auf Burghausen und die imposante Burganlage.

Jede Pause geht einmal zu Ende. Wir haben noch etliche Kilometer zurückzulegen. Mein Sohn Benjamin treibt mich an und erhöht das Wandertempo. Emma schließt zwischendurch Freundschaft mit einem Beagle. Leider wandert dessen Frauchen nicht in unsere Richtung.

An der neuen Brücke zwischen Bughausen und Österreich ist das ehemalige Zollamt zum Kunsthaus umfunktioniert worden, hier treffen sich Künstler von beiden Seiten der Grenze. Einige Kunstwerke sind im Freien zu bewundern.

Die Salzach ist Grenzfluss zwischen Österreich und Deutschland. Die Ufer beiderseits sind dünn besiedelt. Auf österreichischer Seite werden wir bis Tittmoning nur wenige Häuser sehen. In Deutschland sind es vereinzelte Gehöfte in der Nähe der Salzach. Irgendwann ein Hinweis auf einen historischen Grenzstein von 1721, der die alte Grenze zwischen Salzburg und Bayern markierte. 50 Meter vom Ufer der Salzach steht er versteckt im Wald.

Als wir in Tittmoning ankommen, sind seit dem Start in Marktl neuneinhalb Stunden vergangen. Am Marktplatz finden wir schnell eine Unterkunft. In Tittmoning hat Josef Ratzinger einen Teil seiner Kindheit verbracht. Nur einen Steinwurf von unserem Hotel wohnte die Familie Josef Ratzingers im so genannten „Stubenrauchhaus“,  einem stattlichen Bau direkt am Stadtplatz. Heute werde ich das Hotel nicht mehr verlassen, das Stubenrauchhaus muss bis morgen warten.

Warten muss auch die Flaschenpost, die wir heute am Ufer der Salzach gefunden haben. Wir sind gespannt, was sie enthält.

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Webtagebuch 13. September

Wenige Kilometer hinter Simbach gelangen wir wieder direkt ans Innufer. Wir passieren viele kleine Unterstellhütten aus Holz, von wo aus man im Europareservat Unterer Inn die Vogelwelt beobachten kann. Uns bleibt dafür nicht viel Zeit, denn tief hängende graue Wolken verheißen nichts Gutes. Als es zur Mittagszeit zu nieseln beginnt, würden wir uns gerne im Gasthaus eine warme Suppe gönnen. Leider ist das Wirtshaus am Montag geschlossen. Also pausieren wir an einem noch trockenen Platz unter einer ausladenden Baumkrone.

Der Regen wird immer stärker und wir haben noch etliche Kilometer zurückzu legen. Marktl empfängt uns nach den sommerlichen Temperaturen von gestern mit Wind, grauen Wolken und einem intensiven Regenguss. Ein Bus hat eine Gruppe asiatischer Besucher in den Ort gebracht. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht überrannt werden. Alle haben nur ein Ziel: das Geburtshaus von Papst Benedikt XVI. Wir wärmen uns im gegenüberliegenden Café bei einer Tasse Milchkaffee wieder auf.

„Hier ist der Ort, an dem mir meine Eltern das Leben geschenkt haben, der Ort, an dem ich meine ersten Schritte auf dieser Erde getan habe, der Ort, an dem  ich sprechen gelernt habe, der Ort, an dem ich getauft worden bin“.

Mit diesen Worten hatte Papst Benedikt XVI die Bewohner von Marktl begrüßt, als er am 11. September 2006 seinem Heimatort einen Besuch abstattete.

Josef Ratzinger wurde am 16. April 1927 im ehemaligen Amts- und Mauthaus, geboren. Das Geburtshaus ist zu einem Museum umgestaltet worden. Leider können wir das Haus nicht besichtigen, da montags die Museen geschlossen sind. In vielen Auslagen der Geschäfte in Marktl werden Produkte mit dem Konterfei des Papstes angeboten: Papstbier und Kaffeetassen, Benedikt-Schnitten und Vatikanbrot, Halstücher sowie Video-Live-Mitschnitte der Messe des Papstes in Marktl. Ein Kinoplakat mit dem Titel „Wir sind Papst – ein Dokumentarfilm von Michael Rentsch“ hängt vergilbt hinter einigen Glasscheiben.

Im einzigen Gasthaus mit Übernachtungsmöglichkeit weist man uns barsch und bestimmt die Tür. „In dieser Gegend sind Hunde in Pensionen nicht erwünscht“, bekommen wir von der Chefin des Gasthofs Hummel zu hören. Sie lässt sich nicht erweichen, wir müssen wieder in den kalten Regen. Den Grund für die Hundeunfreundlichkeit erfahre ich leider nicht. Auch Hunde sind Geschöpfe Gottes. Das lässt sie kalt, Standpunkt ist Standpunkt.

Schließlich hilft uns die freundliche Frau im Tourismusbüro von Marktl eine Privatunterkunft zu finden.

Am Abend sitzen wir im Gasthof unmittelbar am Geburtshaus von Josef Ratzinger. Ablehnung und Misstrauen schlägt uns vom Stammtisch der Einheimischen entgegen. Unser Gruß wird nicht erwidert, weder beim Kommen, noch beim Gehen. Man will unter sich bleiben. Nur dem Wirt huscht am Ende unseres Besuchs ein flüchtiges Grinsen übers Gesicht. Die Botschaft des Papstes über die Liebe hat in seinem Geburtsort keine Früchte getragen. Marktl hatte ich mir anders vorgestellt. Morgen wandern wir weiter Richtung Süden. Nach Marktl werde ich sicherlich nie wieder zurückkehren.

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Webtagebuch 12. September

Das Land am Unteren Inn erstreckt sich zwischen Altötting und der Innmündung in Passau. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war der Inn ein unberechenbarer Alpenfluss, der vor allem während der Schneeschmelze ungeheuere Wassermassen ins Tal brachte, was ihm den römischen Namen "Aenus" – der Schäumende bescherte. Um 1900 wurde der Inn in ein enges Bett gezwängt. Durch diesen gravierenden Eingriff in die Natur nahm die Fließgeschwindigkeit rasant zu, der Grundwasserspiegel sank und die Flußauen trockneten aus.

Ab 1939 wurden daher fünf Stauwehre am Unteren Inn errichtet. Dadurch entstanden große Wasserflächen. Es bildeten sich neue Inseln, wie sie ursprünglich im Wildfluss zu finden waren. Offene Schlickinseln verlandeten und neue, unberührte Auwälder entstanden. Innerhalb weniger Jahrzehnte entwickelte sich am Unteren Inn eine einzigartige Flora und Fauna, sodass die Landschaft am Unteren Inn 1976 als Naturschutzgebiet ausgewiesen wurde. 1979 erhielt das Gebiet vom Rat für Vogelschutz den Titel "Europareservat". Zehntausende Vögel aus allen Richtungen kommen hier zusammen, bevor sie sich im Herbst auf den Weg nach Süden machen oder im Frühjahr wieder in ihre Brutgebiete zurückkehren.

Zwischen Mühlheim und Hagenau kreist ein riesiger Kibitzschwarm über uns, der sich ständig vergrößert. Die Kiebitze scheinen sich zu versammeln, um die Reise in den Süden anzutreten. Ein beeindruckendes Schauspiel.

Bei außergewöhnlich warmen Sommertemperaturen legen wir im Landgasthof "Zur Grille" in Hagenau eine Pause ein. Helmut Buchner sitzt am Nachbartisch und wenig später bei uns. In den letzten Tagen sind wir an sehr vielen alten Birnbäumen vorbeigewandert. Helmut Buchner klärt uns auf: es sind Mostbirnbäume. Die Birnen werden gemeinsam mit Äpfeln zu Most vergoren. Helmut Buchner trinkt mehrere Gläser davon. Wir sträuben uns anfangs, ein Glas zu trinken, denn der Most ist nicht alkoholfrei. Dann hat er uns doch noch überredet. Der Most schmeckt lecker, ähnlich wie "Äppelwoi" aus Frankfurt oder "Viez" aus dem Saarland.

Bis Braunau wandern wir durchs Europareservat Unterer Inn. Über eine Brücke verlassen wir schließlich Österreich und sind in Simbach am Inn wieder in Deutschland. In der Pension Göttler mit angeschlossenem Gasthof werden wir übernachten.

Papst Benedikt XVI weilte als Kardinal Joseph Ratzinger am 5/6 Juli 1997 in diesem Haus, heißt es in einer Bildunterschrift im Flur der Pension. Kardinal Ratzinger und sein Bruder Georg waren Ehrengäste beim Silbernen Priesterjubiläum ihres Verwandten, unseres Hochw. Herrn Stadtpfarres Dekan Alois Messerer, Bischöf. Geistl. Rat. heißt es weiter in der Bildunterschrift. Kardinal Ratzinger bewohnte das Zimmer 16. Als ich mir meinen Schlüsselanhänger anschaue, staune ich nicht schlecht: Zimmer 16! Morgen wollen wir zum Geburtsort von Papst Benedikt XVI nach Marktl wandern.

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Webtagebuch 11. September

„Guat ist dös, was guat tuat". Mit diesem Motto lockt das Innviertel Besucher und Urlauber nach Österreich. Für die einen sind es die regionalen Köstlichkeiten und Schmankerl aus der Küche, für die anderen die Zeit für Muße und Entspannung. Für Benjamin, Emma und mich ist es die Wanderung entlang des Inn Richtung Süden.

Als wir Suben verlassen, liegt noch eine dicke Nebeldecke über dem Land. Auf dem Radweg hinter Suben fällt mir die erste Kastanie direkt vor die Füße. In der Eifel hatte ich eine Woche nach Osten die ersten Knospen eines Kastanienbaumes fotografiert. Nun fallen schon die ersten Früchte von den Bäumen. Meine Grenzwanderung ist gleichzeitig eine Wanderung durch die Jahreszeiten. Der Sommer geht bald zu Ende. Der Herbst steht vor der Tür.

Emma hat in Benjamin einen neuen Spielkameraden und tobt sich aus. Eine freundliche Joggerin, die aus dem dichten Nebel erscheint, berichtet von Jägern, die unterwegs sind. Wenn Emma ohne Leine gesichtet wird, könnte dies böse Folgen haben. Die österreichischen Jäger sind da nicht zimperlich. Emma muss für die nächste Stunde an die Leine.

Marienkirchen, Dietrichshofen, Mitterding, die kleine Kapelle in Viehausen sowie Reichersberg haben wir bereits passiert, als gegen Mittag endlich die letzten Nebelschwaden verschwinden. Der Sommer ist zurück und mit ihm ein strahlend blauer Himmel und wärmende Sonnenstrahlen. Am Marktplatz in Obernberg sitzen wir zur Mittagsrast auf der Terrasse eines Cafes und gönnen uns regionale Schmankerl. Ich entscheide mich für den hausgemachten Marillentopfensrudel, Benjamin nimmt Apfelstrudel mit Vanillesoße.

   „Halte immer an der Gegenwart fest.

Jeder Zustand, ja jeder Augenblick

ist von unendlichem Wert, denn er

            ist der Repräsentant einer ganzen Ewigkeit“

 
Diesen Satz von Johann Wolfgang von Goethe habe ich gestern an einer Bank in Schärding gelesen. Dort wurde direkt am Inn ein Relaxweg angelegt. „Zum Nachdenken, Moment Geniessen, Schmunzeln, Tagträumen, Seele-Baumeln-Lassen…“

Gerne hätten wir auf der Cafeterrasse in Schärding länger unseren Tagträumen nachgehängt. Aber einige Streckenkilometer liegen noch vor uns.  Ein Stück hinter Kirchdorf am Inn verlassen wir das Flusstal. In Mühlheim beim Honigwirt sind wir herzlich willkommen. Auf der Gartenterrasse unter mächtigen Kastanienbäumen schmeckt das erste Bier besonders gut.  

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Webtagebuch 10. September

Bereits zur Römerzeit war Passau Grenzstadt. Während die Donau das römische Reich von Germanien trennte, war der Inn nicht nur die Grenze zwischen den Provinzen Rätien und Norikum, sondern auch zwischen dem gallischen Zollbezirk und dem illyrischen Zollbezirk, der bis zum Schwarzen Meer reichte.

Bevor ich die ehemalige Grenzstadt verlasse, suche ich am Rathaus nach einem Briefkasten. Mit ausgestrecktem Arm kommt mir eine freundliche Passauerin entgegen, die mich lauthals begrüßt: „Ich hab’ Sie heute Morgen in der Passauer Zeitung gesehen. Ich wünsche Ihnen für ihre Wanderung alles Gute“. Sie drückt mir die Hand, und mit den Worten, ich habe einen Termin beim Friseur, verschwindet sie mit ihrem Dackel in den Gassen der Altstadt.

Elke Zanner von der Passauer Neuen Presse hat einen unterhaltsamen Beitrag über Emma und mich geschrieben. Die Zeitungsfrau in der Altstadt erkennt uns auch sofort, und wenig später begrüßt uns ein Radfahrer, der Emma ebenfalls aus der Zeitung kennt.

Auf dem Marktplatz hinter dem Stephansdom herrscht geschäftiges Treiben. Bauern bieten frisches Gemüse und Obst an. Leider kann ich nichts einkaufen, in meinem Rucksack ist dafür kein Platz. Mit einem der Bauern komme ich ins Gespräch. „Alles frisch und alles ohne Spritzmittel“, preist er seine Waren an. Mit einem liebenswerten „Komm guat hoam“, verabschieden wir uns.

Ich verlasse Passau über den Innradweg nach Süden. Nach wenigen Kilometern führt der Weg über die Staustufe auf die andere Seite des Inns. Ab hier ist der Inn Grenzfluss zwischen Deutschland und Österreich. Auf österreichischer Seite setze ich mit Emma meine Wanderung fort.

Am Innradweg informieren Tafeln über Lebensdaten und das künstlerische Schaffen von Alfred Kubin. Kubin wurde 1877 in Böhmen geboren. In Salzburg, Zell am See und Klagenfurt wuchs er auf, in München studierte er Kunst. 1901 bekam er seine erste Ausstellung. Er war befreundet mit vielen Künstlern seiner Zeit. Briefwechsel mit Franz Marc, Kandinsky, Paul Klee, Kokoschka, Kafka und Stefan Zweig zeugen davon. Ab 1906 lebte er mit seiner Frau Hedwig in Zwickledt, unweit von Wernstein. Für Jahrzehnte war die Gegend um Zwickledt eine geistige und kulturelle Hochburg. Kubins Werk umfasst über 2300 Illustrationen und Titelblattentwürfe für über 170 Bücher. 1911 wurde er Mitglied der Künstlervereinigung „Der Blaue Reiter“. 1951 verlieh man ihm den österreichischen Staatspreis.

In Wernstein lockt „ ‚s gelbe Eck“ mit Topfenstrudel und einem Haferl Kaffee zur Rast. Rudolf Schreiner betreibt mit seiner Frau ein Café genau am Brückenkopf. Ursprünglich war es nur ein Kiosk. Seit jedoch 2006 die Fußgängerbrücke eingeweiht wurde, kommen immer mehr Gäste von der anderen Seite des Inn und seine Nebenerwerbsbeschäftigung wurde zum Hauptberuf. Rudolf Schreiner träumt davon, einmal für längere Zeit mit einem Boot auf Tour zu gehen.

Als ich weiter wandern will, treffe ich auf Petra Niederquell und Herbert Thyssen. Beide sind für vierzehn Tage auf Fahrradtour. In Breisach, in der Nähe von Freiburg, hat ihre Firma eine Zweigniederlassung. Wenn ich in etwa sechs Wochen in der Region um Freiburg wandern werde, wollen wir uns zu einem gemütlichen Weinabend wieder sehen.

Nachmittags erreiche ich Suben am Inn. Das erste Teilstück Richtung Berchtesgaden ist geschafft. Im Biergarten des Gasthofes Labmayer warte ich auf meinen Sohn Benjamin. Benjamin wird mich die nächsten acht Tage zu Fuß begleiten.

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