Webtagebuch 18. November. Der Tag danach

Am 20. März, Frühlingsanfang, bin ich zu meiner bislang ungewöhnlichsten Reise meines Lebens gestartet. Drei wichtige Details standen von Anfang an fest. 1. Mein Weg war vorgegeben: die Grenze. 2. Ich wollte unbedingt zu Fuß und nonstop diese Reise unternehmen. 3. Meine Beagle Hündin Emma sollte mich begleiten.

25 Jahre nach der Unterzeichnung des Schengener Abkommens wollte ich wissen, wie es in den Köpfen und den Herzen der Menschen aussieht, die an der Grenze leben und arbeiten. Mein Weg führte mich vom Saarland entlang der französischen, luxemburgischen, belgischen, holländischen und dänischen Grenze bis in den hohen Norden der Bundesrepublik Deutschland. Entlang der Oder-Neisse-Linie wanderte ich entlang der polnischen und tschechischen Grenze, ehe im Süden Österreich und die Schweiz folgten. Mein Rückweg brachte mich entlang der deutsch-französischen Grenze wieder ins Saarland.

Fast 250 Tage war ich unterwegs und habe in dieser Zeit 5200 Kilometer zurückgelegt. Soweit die Fakten.

Bedanken möchte ich mich zunächst bei meiner Frau Bernadette, die diese lange Wanderung mitgetragen hat. Bedanken möchte ich mich bei meinen Sponsoren, die es mir ermöglicht haben, dieses Wagnis zu finanzieren. Bedanken möchte ich mich bei all denen, die mir per SMS, per Mail oder Anruf immer wieder Mut gemacht haben, durchzuhalten und die Wanderung zu einem guten Ende zu bringen.

Ich habe ein phantastisches Jahr erlebt. Ich habe wundervolle Menschen auf meinem Weg rund um Deutschland kennen gelernt, interessante Menschen, die mir unglaubliche Geschichten erzählt haben: Grenzgeschichten, Lebensgeschichten die mich bewegt haben.

Ich konnte ein wunderbares Land vor allem an seinen Grenzen neu kennen lernen. Oft war die Grenze fließend, nicht mehr erkennbar für mich wo ich mich gerade befand.

Als ich im Frühjahr in Völklingen zu meinem Abenteuer aufbrach hatten die Bäume noch keine Blätter. Jetzt sind sie bereits wieder abgefallen. Dazwischen liegen acht Monate. Nicht einen einzigen Tag möchte ich davon missen. Jeder Tag brachte mich auf meinem Weg zu ungeahnten Eindrücken.

Fast jeden Tag hatte ich das Glück Menschen zu treffen, die mir etwas zu erzählen hatten. Auch Freundschaften sind entstanden, die diese Reise überdauern werden.

Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, meine Erlebnisse als Webtagebuch niederzuschreiben. Danke für die Rückmeldungen. Vielleicht habe ich durch meine Wanderung andere animieren können aufzubrechen und sich auf den Weg zu machen.

In den nächsten Wochen werde ich meine Erlebnisse niederschreiben. Ich hoffe einen Verlag zu finden dem meine Geschichten gefallen. Und vielleicht werde ich dann an einige Orte meiner Reise zurück kehren, um mein Buch vorzustellen.

Das "Tagebuch" geht weiter. In den nächsten Wochen werde ich die Reise wiederholen, in der Erinnerung, mit tausenden Photos und Bergen von Notizen.

Demnächst mehr unter www.guenterschmitt.eu Emma und ich verabschieden uns.

Webtagebuch 17.11.2010

Zum letzten Mal heißt es heute Morgen Rucksack packen und mit Emma loslaufen. Horst und seine Frau Rosemarie erwarten mich. Außerdem Katrin Eichenlaub und Jennifer Brandel von Bild Saarland. Sie wollen über den Grenzgänger in der morgigen Bild Ausgabe berichten.

Über die Westspange gelangen wir ans linke Saarufer und wandern zwischen Saar und Autobahn stadtauswärts bis auf die Höhe des Schanzenberges zwischen

Saarbrücken und Gersweiler. Dort unterqueren wir die Autobahn. Es beginnt ein längerer Anstieg durch den Stadtwald Saarbrückens. Oben angekommen befinden wir uns an der lothringisch-saarländischen Grenze. Im Grenzort Schoeneck in Frankreich verläuft die Grenzlinie unmittelbar auf der Bordsteinkante der Rue Pasteur. Dort treffen wir Jean Kaas an seinem Holzstapel. Er wohnt in der Rue Pasteur, sein gespaltenes Holz am Waldrand direkt an der Straße liegt in Deutschland. Während ein gemeinsames Foto entsteht, befindet sich Jean in Deutschland und ich stehe in Frankreich. Zu einer Umarmung reicht es in jedem Fall. Am Ende eines herzlichen Gesprächs verabschieden wir uns freundschaftlich.Die letzte Begegnung direkt an der Grenze und mit der Grenze.

Nachdem wir die Straße zwischen Krughütte und Gersweiler überquert haben finden wir am Waldrand die Überbleibsel des ehemaligen Pestlazaretts. Im 12. Jahrhunderts als Kirche für die Orte Aschbach, Gersweiler und Ottenhausen gebaut, diente es der Stadt Saarbrücken im 17. Jahrhundert als Pestlazarett weit draußen vor der Stadt. Später wurde das Gebäude zu einem Bauernhaus umgebaut. Im Volksmund wird die Ruine auch als "Eulebursch" bezeichnet.

Kurz vor der Ruine treffen wir Karl Ernst Forster aus Berlin. Er hatte mich schon in Zittau ? Görlitz ? besucht und ein Stück meines Weges begleitet.

Karl Ernst verbrachte seine Kindheit in Gersweiler bevor es ihn nach Berlin zog. Zur letzten Etappe flog er von Berlin nach Saarbrücken, um mich nach Völklingen zu begleiten. Standesgemäß begrüßt er uns mit Bier, Lyoner und Baguette. Obwohl ich zu Hause sehr selten Wurst esse, muss ich zugeben, dass ich "de Lyoner" auf meiner Reise ab und zu vermisst habe. Die "gemeine Fleischwurst" ist damit einfach nicht vergleichbar.

Kurz vor Klarenthal erwartet uns eine Gruppe Wandererinnen und Wanderer meines Stammvereins, des Saarwald-Vereins Völklingen. Sie begleiten uns ebenfalls begleiten bis Völklingen. Gemeinsam durchwandern wir das Waldgebiet nach Völklingen. Am Marienkapellchen oberhalb von Fürstenhausen eine weitere Überraschung. Der 90jährige Vater von Karl-Ernst ist von Gersweiler vorausgeeilt und wartet auf uns um die letzten zwei Kilometer mitzuwandern. Über die Saarbrücke bei Völklingen-Wehrden erreichen wir das Weltkulturerbe

Völklinger Hütte wo ich am 20. März 2010 zu meiner Nonstop-zu Fuß-Deutschlandumrundung gestartet bin. Heute, am 17. November 2010 schließt sich nach fast 250 Tagen und 5200 Kilometern der Kreis. Ich bin am Ziel und überglücklich. Meine Frau und meiner Schwiegermutter sowie ein paar Freunde erwarten mich zu einen kleinen Sektemfang. Emma wird mit Biowürstchen begrüßt. Meine Wanderfreunde aus Völklingen singen mir zum Abschluß ein Ständchen. Danke für die liebevolle Begrüßung in der Heimat.

Morgen werde ich zum letzten Mal einige Tagebuchnotizen schreiben.

 

Webtagebuch 16. November

Entlang der Ufer von Blies und Saar führt der „Circuit de la Faïence“ zu fünf Zeugnissen der industriellen Steingutfertigung. 1790 entstand im östlichen Frankreich eine Produktionsstätte, die eine kleine Stadt weltberühmt machte: die Steingut-Manufaktur, welche die Brüder Nicolas-Heinz und Paul-Augustin Jacobi zusammen mit Joseph Fabry in Saargemünd gegründet haben. Heute, zwei Jahrhunderte später, können Kunst- und Geschichtsinteressierte Erfindergeist, Talent, Know-how und Tradition wieder entdecken.

Am Ufer der Saar wandern wir aus Saargemünd Richtung Saarbrücken. Rechter Hand mündet die Blies in die Saar. Alte, ausrangierte Flusskähne liegen am rechten Saarufer und warten auf  ihre Verschrottung. Meine Gedanken wandern zurück zu meinem Großvater, der für viele Jahre Schiffsbauer an der Saar war. Zwischen Saarbrücken und Völklingen wurden vor dem Zweiten Weltkrieg auf den Werften der Familie Saar und der Gebrüder Schäfer Saarkähne gebaut, so genannte Penichen. Einer der Schäferbrüder hatte die Schwester meines Großvaters geheiratet. Einige Bilder zu Hause erinnern an die Zeit, von der mein Großvater viele Jahre später seinem Enkel erzählen sollte.

Von Hanweiler bis Güdingen bildet die Saar auf einer Strecke von fast neun Kilometern die Grenze zwischen Deutschland und Frankreich.

Vor wenigen Tagen noch bin ich entlang des Oberrheins gewandert, mit Blick auf die Vogesen.

In den Nordvogesen entspringen die Rote und Weiße Saar am 1008 m hohen Donon. Kurze Zeit später vereinigen sich die beiden Bäche zur Saar und fließen 250 Kilometer von Süden nach Norden. Bis Saargemünd fließt die Saar ausschließlich durch Frankreich. Dann wir sie bis kurz vor Saarbrücken zum Grenzfluss, bis sie hinter Saarhölzbach das Saarland verlässt und einige Kilometer später bei Konz, kurz vor Trier, in die Mosel mündet. Auch den gesamten Verlauf der Saar von der Quelle bis zur Mündung habe ich vor Jahren erwandert und in meinem Buch „Die Saar“ beschrieben.

Damals schien mir das eine lange Wanderung zu sein. Im Vergleich zu meiner Deutschlandtour war es eher ein Sonntagsspaziergang.

Zwischen dem lothringischen Großbliederstroff und dem saarländischen Kleinblittersdorf  hat man vor vielen Jahren eine Fußgänger-Freundschaftsbrücke gebaut. Zwischen den lothringischen und saarländischen Grenzbewohnern herrscht ein freundschaftliches Verhältnis. Viele sind miteinander verwandt oder verschwägert, es geht hinüber und herüber, „driwwer un eniwwer“. Der Mundart Entertainer Schorsch Seitz hat es in seinem Lied von der „Blittersdorfer Brick“  formuliert: 

         
„Is das e Lääwe uff de Brick,
in aller Hergottsfrüh
Ma trifft so die Bekannte hier,
Hallo, Bonjour, Salu!
E Schwätzje hier, e Küßje dort,
em Schang e scheener Gruß
Ma hats aach gar net eilisch
Ma is jo eh zu Fuß…

Es Zollheisje is abgeriß
Europa kommt sich näher
Mir senn mit ganzem Herz debei
Das fallt uns gar net schwer
De Michel un es Marianne:
L’Allemagne et La France
Die Deutsch-Französisch
Freundschaftsbrick
Das es e große Chance“.

 

Mit Horst und Emma wandere ich über die „grüne Grenze“ am Saarufer ins Saarland. Über Güdingen und dem Stadtteil St. Arnual kommen wir in die Landeshauptstadt Saarbrücken. Die vorletzte Etappe meiner Wanderung endet dort. Morgen ziehe ich zum letzten Mal meine Wanderschuhe an, die mich nun seit 5180 Kilometern rund um Deutschland gebracht haben. Morgen endet meine Wanderung am Weltkulturerbe Völklinger Hütte.

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Webtagebuch 15. November

Nach dem Frühstück bei Gabi und Karl-Heinz am warmen Kachelofen in Medelsheim, entschließt sich Gabi spontan, den Weg ins lothringische Saargemünd mitzuwandern. Das Bauernhaus, in dem die beiden seit über zwanzig Jahren leben, wurde 1990 im Landeswettbewerb „Saarländische Bauernhäuser – Zeugnisse unserer Heimat“ ausgezeichnet.

Über Niedergailbach und Rubenheim gelangen wir zur Stiftung Europäischer Kulturpark Bliesbruck-Reinheim. Seit über zwei Jahrhunderten verläuft durch das Bliestal die Grenze zwischen Frankreich und Deutschland, zwischen Lothringen und dem Saarland, zwischen Bliesbruck und Reinheim. Mit der Schaffung des Kulturparks wurde bereits 1987 die Grenze „aufgehoben“ und überwunden. Der Europäische Kulturpark hat dem Tal seine historische Einheit wiedergegeben.

Im Februar 1954 entdeckte der Kiesgrubenbetreiber Johann Schiel im Bliestal ein kleines Bronzefigürchen, welches sich später als Griff eines Spiegels herausstellte. Die Ausgrabungen des damaligen Staatlichen Konservatoramtes führten zu einer außerordentlichen Entdeckung: das Fürstinnengrab von Reinheim. Das Fürstinnengrab von Reinheim, aus den Anfängen des 4. Jahrhunderts vor Christus, offenbart den materiellen und kulturellen Reichtum der keltischen Aristokratie. Der Schmuck und sowie die die Opfergaben sind Meisterwerke der keltischen Kunst.

Als wir in Reinheim ankommen scheint der Kulturpark im Winterschlaf zu liegen. Wir klingeln. Miriam Heinrich, zuständig für Marketing, Tourismus und PR im Kulturpark öffnet uns. Am Ende ihrer Ausführungen erlaubt sie uns das Fürstinnengrab – obwohl geschlossen – zu besichtigen. Eindruckende Bilder aus einer fernen, weit zurückliegenden Welt. Während der Keltenausstellung im Weltkulturerbe Völklinger Hütte, die am kommenden Wochenende eröffnet wird, kann man parallel dazu, das Fürstinnengrab in Reinheim besichtigen.

Der Duft von Holzkohlenfeuer liegt in der Luft. Norbert Goddard hat im Holzofen Brot für eine Busgruppe gebacken. Alles abgezählt, sagt er uns. Wir dürfen nur den Duft des Brotes genießen.

Wir wandern weiter durch Bliesbruck und Richtung Habkirchen im Saarland ein. In Habkirchen befindet sich in einer ehemaligen Grenzstation ein Zoll-Museum. Manfred Nagel, der Museumsleiter, hatte dort über 35 Jahre seinen Dienst verrichtet. Als er absehen konnte, dass durch die Unterzeichnung des Schengener Abkommens die Zollgrenzen fallen würden, begann er Utensilien seines Arbeitsalltags zusammenzutragen. Heute kann er dem Besucher über 300 Jahre Grenzgeschichte präsentieren. Besonders stolz ist Manfred Nagel auf eine Kopie des Passes von Karl Marx. Das Dokument trägt den Einreisestempel des „Königlich bayrischen Nebenzollamts 1. Klasse Habkirchen“ vom 7. April 1848. Zur damaligen Zeit war Habkirchen bayrisches Gebiet.

Das Zollmuseum ist jeden dritten Sonntag im Monat von 14.00 bis 17.00 Uhr und nach Vereinbarung geöffnet. Das Museum ist noch für drei Wochen geschlossen. Dann ist der Erweiterungsbau fertig gestellt und Manfred Nagel kann den Besuchern des Museums mehr Platz bieten.

Über die Freundschaftsbrücke erreichen wir die andere Seite der Blies. Wir sind in Frauenberg und damit wieder in Frankreich. Alle zwei Jahre findet hier das deutsch-französische Brückenfest statt. Das grenzüberschreitende Fest zieht sich über die Brücke in beide Länder.

Um 16.45 Uhr wandern wir über die Saarbrücke in Saargemünd. Geschafft! die Regenwanderung ist zu Ende. Nicht weit von hier mündet die Blies in die Saar. Morgen werden wir entlang der Saar Richtung Saarbrücken wandern und hoffen dafür auf besseres Wetter.

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Webtagebuch 14. November

Das einsame, alleinstehende Haus an der Grenze zwischen Peppenkum in Deutschland und dem französischen Guiderkirch im Tal der Bickenalb trägt die Hausnummer 9 und 9a in der Güderkircher Straße. In seiner 70jährigen Geschichte war es Zollamt, Altersheim, Kriegslazarett, Haus mit Notwohnungen, Privat-Sanatorium, saarländisches Grenzhaus, Ferienwohnheim und Mietshaus.

Als junger Radsportler habe ich viele Trainingstouren im Bliesgau absolviert. Oft kam ich hier an der Zollstation vorbei. Bei schönem Wetter standen die Zollbeamten meistens vor der Tür, bei schlechtem Wetter sah man sie hinter den Scheiben sitzen. Eine kurze Handbewegung des Zöllners bedeutete, dass man weiter fahren konnte. Den Ausweis mussten wir bei solchen Ausfahrten immer mitführen. Allerdings sind wir nur selten kontrolliert worden. Rechts vom Zollhaus wehte die Fahne der Bundesrepublik Deutschland, links vom Zollhaus standen die Schlagbäume meist senkrecht nach oben.

Vor einigen Jahren hat Ulrike Lupa das Anwesen gekauft und bietet im Grenzgebiet Reitunterricht und Ausritte an. Im alten, ehemaligen Zollgebäude, hat sie eine Ferienwohnung eingerichtet. Im oberen Teil des Gebäudes befinden sich Wohnzimmer und Küche. Dort wo früher die Zollbeamten ihren Dienst versahen, sitzt man jetzt gemütlich auf der roten Couch und schaut durch die großen Fenster ins Grüne. Über eine Treppe gelangt man zum Schlafzimmer nach unten. Neben dem ehemaligen Waffenschrank der Zollbeamten ist das Bad eingerichtet.

Auf meiner nun fast acht Monate dauenden Deutschlandumrundung habe ich viel an der Grenze erlebt und erfahren. Nun kann ich drei Tage vor dem Ende meiner Wanderung in einem ehemaligen Zollhaus übernachten. Großartig. Ulrike Lupa händigt uns die Schlüssel aus, erklärt einige Besonderheiten der Wohnung ist auch schon wieder weg. Die Betten sind schnell verteilt, Horst schläft im unteren Teil des Hauses und ich mit Emma im oberen Teil.

Ach ja, gewandert sind wir heute auch. Von Blieskastel über die Trasse des gut ausgeschilderten Saarland-Rundwanderweges nach Medelsheim. Der Höheweg durch den Bliesgau eröffnet bei traumhaften Frühlingstemperaturen ungeahnte Fernblicke bis zu den Vogesen. In der alten Kulturlandschaft zwischen dem Saarland und Lothringen fühle ich mich zu Hause. Hier habe ich viele Radtouren unternommen, hier bin ich unzählige Male gewandert. Vertrautes, stilles Land im Grenzgebiet.

Kurz vor Medelsheim greife ich zum Handy. In der Zollstraße wohnen seit vielen Jahren Freunde von mir: Gabi und Karl-Heinz. Sie haben ein Bauernhaus liebevoll restauriert und lieben das Leben auf dem Land. Als wir ihr Haus erreichen dringen wohlvertraute Küchendüfte zur Tür. Minuten später sitzen wir am warmen Kachelofen und füllen die Teller mit Kartoffelklößen, Rotkraut und Gulasch. Dazu gibt`s Bier aus der Flasche. Danke, Gabi und Karl-Heinz, für den heimatlichen Empfang. Endlich wird wieder intensiv Mundart geschwätzt.

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Webtagebuch 13. November

Die graue Wolkendecke ist geblieben. In der Nacht hat es fast unaufhörlich geregnet. Als ich mich mit Horst zum Frühstück treffe, lässt der Regen jedoch allmählich nach. Wir entschließen uns keinen Ruhetag einzulegen sondern wollen weiter. Barbara aus Ottweiler ruft an. Sie hat sich etwas Zeit freigeschaufelt und will mich ebenfalls von der Pfalz ins Saarland begleiten.

Gemeinsam verlassen wir Hornbach über den Pirminius-Radweg. Die ehemalige Bahntrasse, die vor einigen Jahren zum Radweg ausgebaut wurde, wird an diesem Morgen fast ausnahmslos von Fußgängern benutzt. An der Brücke in Althornbach reibe ich mir verwundert die Augen: auf einer grünen Tafel lädt der Dorfkrug zum Mai-Tanz ein. Da bin ich doch etwas spät dran, schmunzelnd setze ich meinen Weg fort.

Die Stadt Zweibrücken tangieren wir an der Autobahnauffahrt und durchqueren anschließend den Vorort Ernstweiler. An einer Straßenüberquerung kommt mir lächelnd ein Mann entgegen. „Jetzt sinn sie jo ball dahääm“, höre ich aus seinem Mund. Ich frage ihn woher wir uns kennen. „Ich hann heit morje die Rheinpalz geläs“, ist die Antwort. „Wemma so was lääst, was sie do mache, geht geht emm grad ess Herz off“, bückt sich und streichelt Emma mit den Worten „unn du bischad aach e gudda Mensch“. Der Mann, dessen Name ich leider nicht erfahren habe, ist begeisterter Wanderer und Mitglied im Pfälzerwald Verein. Lachend verabschieden wir uns.

Die Rheinpfalz, eine Tageszeitung die in Zweibrücken und Umgebung täglich erscheint, berichtet in der Samstagausgabe über den Grenzgänger mit der Überschrift „Es geht ein Günter Schmitt herum…“ Janis Altherr hat tags zuvor, als wir uns in Riedelberg getroffen haben, gut zugehört.

Hinter Ernstweiler müssen wir für fast zwei Kilometer entlang der Autobahn Richtung Saarland laufen. Hat man zu meiner Begrüßung extra große Plakate an der Autobahn aufgehängt? Ich lese: „ Saarland. Schön dass du da bist“.

Über Einöd und Ingweiler erreichen wir die Bliesauen zwischen Homburg und Blieskastel. Weit vor uns sind die ersten Häuser von Blieskastel auszumachen. Zwar bläst starker Wind von vorn, aber die Temperatur ist am Nachmittag merklich gestiegen. Am Ende der Wanderung sitzen wir in Blieskastel in einem Straßencafe der Fußgängerzone unter freiem Himmel. Ich bin wieder im Saarland. Noch vier spannende Tage liegen vor mir, bevor ich am Mittwoch in Völklingen eintreffen werde. Die Nacht verbringen wir im Hotel zur Post und können am Abend die ausgezeichnete Küche testen. „Ich glaab, mia ware doo gudd uffgehob“.

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Webtagebuch 12. November

Blühende Christrosen sind ein eindeutiges Zeichen dass Weihnachten nicht mehr fern ist. In einem Vorgarten in Kröppen entdecke die wunderschöne Blume. Es wird Zeit nach Hause zu kommen. Am 20. März habe ich mich gemeinsam mit Emma am Weltkulturerbe Völklinger Hütte im Saarland auf den Weg gemacht. Am Sonntag in vierzehn Tagen feiern wir den 1. Advent. Ich wandere immer noch.

Der Sturm der letzten Nacht hat viel Altholz auf die Straße geweht, aber auch frisches, junges Tannengrün von den Bäumen gerissen. Im Wald duftet es nach Tannenharz. Am Ende des Stausteiner Waldes passieren wir den Stausteiner Hof. Er bietet für Pilger Zimmer an. Für uns kommt das Angebot allerdings noch zu früh. Als wir die Riedelberger Höhe erreichen bläst uns orkanartiger Wind entgegen. Wir müssen uns mächtig dagegenstemmen, um vorwärts zu kommen. Emmas Ohren stehen waagerecht in der Luft. Manche Windböen sind so stark dass es uns fast von den Beinen reist. Ich habe Angst, dass Emma davon fliegt. Vorsichtshalber wird sie angeleint. 

Der Wanderweg führt auf diesem Teilstück bis Riedelberg auf einer schmalen Verkehrsstraße. Manche Autofahrer verwechseln allerdings die Straße mit der Autobahn. Zwischen dem Stausteiner Hof und Riedelberg kommen wir der Grenze zwischen Frankreich und Deutschland direkt an der Straße schuhbreit nah. Während ich den Grenzstein fotografiere stehe ich in Frankreich. Derweil schauen mir Horst und Emma von Deutschland aus zu.

Zur Mittagsrast bin ich mit Janis Altherr von der Rheinpfalz verabredet. Morgen wird die Rheinpfalz über den Grenzgänger berichten. Im Landgasthof Alt-Riedelberg beantworten wir alle Fragen und können uns mit einer warmen Suppe aufwärmen. Anrufe aus dem Saarland verkünden weiterhin orkanartige Winde und Regen. Die graue Wolkendecke über uns  wird dichter, der Wind bläst weiterhin kräftig von Westen. Eine Wiese zwischen Riedelberg und Mauschbach ist übersäht mit blühendem Löwenzahn. Morgens Christrosen mittags Löwenzahn. War das schon immer so?

Hornbach erreichen wir noch ohne Regentropfen. Wir haben Zeit die ehemalige Klosteranlage anzuschauen. Der Wandermönch und Klosterbischof Pirminius hatte 742 das Kloster gegründet, das sich im frühen Mittelalter zu einem wichtigen Kultur- und Kirchenzentrum der Pfalz entwickelte. Pirminius, der lange vor den großen Glaubensspaltungen wirkte, gilt als der Glaubensbote Südwestdeutschlands und des Elsass. Auf sein missionarisches Wirken gehen auch das Kloster Mittelzell auf der Bodenseeinsel Reichenau und mehrere Klöster zwischen Schwarzwald und Vogesen zurück. Das Hornbacher Kloster leitete er bis zu seinem Tod am 3. November 753. Bereits Ende des 8. Jahrhunderts wird Pirminius in einer Handschrift aus Metz als „Sanctus“, als Heiliger, bezeichnet.

Als der Regen einsetzt sitzen wir bereits in einer warmen Stube. Morgen wollen wir von der Pfalz ins Saarland wandern.

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Webtagebuch 11. November

In ihrem Buch „Rendez-vous am Jakobsweg“ beschreibt Brigitte Lüger-Ludewig auf vergnügliche und witzige Art ihre Wanderungen auf dem Pfälzer Jakobsweg. Wenn ich zu Hause bin werde ich mich mit ihr in Verbindung setzten. Ich möchte unbedingt von ihr wissen, wie sie auf ihren Wegen mit der kargen oder teilweise nicht vorhandenen Beschilderung der Wege zurecht gekommen ist.

In Speyer kann man sich für zwei Varianten entscheiden: die Nordroute oder die Südroute. Beide Wege enden in Hornbach. Die Nordroute bin ich vor einigen Jahren gewandert. Nun bringt mich meine Deutschlandumrundung auf die Südroute. Zwei Tage wollen wir auf dem Pfälzer Jakobsweg Richtung Westen unterwegs sein. Von Fischbach nach Kröppen und anschließend von Kröppen nach Hornbach.  

Horst habe ich meine letzte verbliebene Karte in die Hand gedrückt. Sie dient zur Groborientierung. Später wird sich herausstellen, dass wir ohne diese Freizeitkarte erhebliche Probleme gehabt hätten unser Ziel ausfindig zu machen. Die Markierungen auf dem Jakobsweg scheinen willkürlich angebracht worden zu sein. An Weggabelungen oder längeren Walddurchquerungen fehlt sie fast immer. Nur dort wo der Beschilderer gut mit dem Fahrzeug hinfahren konnte finden wir regelmäßig das Symbol der Jakobsmuschel. Ansonsten Fehlanzeige. Kein beschilderter Wanderweg auf meiner Tour rund um Deutschland war so schlecht ausgeschildert wie die Wegtrasse von Fischbach nach Kröppen.    

Horst hat alles im Griff. Immer den Daumen auf der Karte wandert er vor mir her und bringt mich weiter auf meinem Weg. Emma muss anfangs an die Leine. In unserem Hotel waren gestern Abend Jäger aus England am Nachbartisch. In der Nähe von Eppenbrunn ist bis 12.00 Uhr Treibjagd angesagt. Wir kommen zwar erst später dort an, trotzdem lasse ich Emma nicht von der Leine. Wir wissen nicht, ob jeder Jäger eine Uhr trägt oder ob einer der Jäger doch noch auf Spurensuche ist.

Wir wandern durch stille Waldpassagen und über einsame Feldwege. Kaum ein Mensch begegnet uns. Die durchgängig graue Wolkendecke und der immer stärker aufkommende Wind lassen uns ein ordentliches Tempo anschlagen. Leider werden wir immer wieder durch die Suche nach der Beschilderung aufgehalten.

Horst bringt uns sicher zu unserem Tagesziel nach Kröppen. Morgen werden wir das Schilderungssuchspiel fortsetzen. In sechs Tagen hoffe ich mit Emma in Völklingen anzukommen.

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Webtagebuch 10. November


Rüdiger und Anne müssen zurück. Wir sitzen gemeinsam beim Frühstück im "Schneckehiesel" in Wissembourg als die Tür aufgeht. Horst Heck, mein Wanderfreund aus Völklingen, steht in der Tür. Er hatte mich vom Start meiner Wanderung am 20. März von Völklingen bis Trier begleitet. Einmal pro Woche hat er sich während meiner gesamten Deutschlandumrundung telefonisch gemeldet. Neben meiner Frau Bernadette war Horst mein Verbindungssprachrohr ins Saarland. Jetzt wird er mich auf den letzten Tagen meiner Mammutwanderung in meine Heimat zurück begleiten. Danke Horst.
Endlich kann ich die Wanderkarte zur Seite legen. Mit Horst an meiner Seite ist verlaufen fast nicht möglich. Er ist ein ausgezeichneter Kartenleser, immer mit dem Daumen dort auf der Karte, wo wir uns gerade befinden. An den kniffligen Kreuzungspassagen überprüft er lieber einmal mehr alle Wegpassagen und Markierungen. Das schützt vorm verlaufen. Oft habe ich mich zu früh entschieden in eine bestimmte Richtung zu laufen, war oft zu faul in die Karte zu schauen, dafür habe ich während meiner Tour immer wieder Lehrgeld bezahlt, das heißt es gab hin und wieder Zusatzkilometer zu absolvieren. Mit Horst komme ich sicherlich auf kürzestem Weg nach Hause.

Nach den vielen Flachetappen entlang des Rheins heißt es heute wieder bergauf und bergab. Hinter Weiler der Aufstieg zum Refuge du Pigeonnier Club Vosgien (432 m), das leider an diesem Wochentag geschlossen hat. Anschließend der Abstieg nach Climbach und weiter Richtung Petit Wingen ou Neudoerfel. Kurz danach der Aufstieg zum Col du Litschhof (337 m) und weiter nach oben über den Krappenfels, dem Col Hohenbourg (475 m) und der Soucre Maidenbrunnen (501 m) zum Kaiser Wilhelm Stein (501 m).
Hier wechseln wir von Frankreich nach Deutschland vom Elsass in die Pfalz. Wir befinden uns im Forst von Annweiler, wandern begab bis Schönau. Immer wieder überraschen uns kleine Regenschauer. Über uns blaue Flecken, die durch die Wolken zu erkennen sind und trotzdem Regentropfen von oben. Emma macht es heute besonders viel Spaß durch Laub zu rasen. Im Pfälzer Wald ist fast das gesamte Laub von den Bäumen gefallen und liegt wie ein dicker, brauner Blätterteppich auf den Wegen.
Durchs Naturschutzgebiet Königsbruch erreichen wir die Ortsrandlage von Fischbach und das Biosphärenhaus im Biosphärenreservat Naturparks Pfälzerwald. Biosphärenreservat ist die Bezeichnung für ein von der UNESCO im Rahmen des Programms "Der Mensch und die Biosphäre" anerkanntes und unter nationalem Schutz stehendes Gebiet. Die Reservate sind großflächige, repräsentative Ausschnitte von Natur- und Kulturlandschaften, die sich durch landschaftliche Eigenart und beispielhafte Konzepte zu Schutz, Pflege und Entwicklung auszeichnen. Der Naturpark Pfälzerwald in Deutschland und der daran angrenzende Naturpark Nordvogesen in Frankreich wurden 1998 von der UNESCO zum grenzüberschreitenden Biosphärenreservat Pfälzerwald/Nordvogesen erklärt.
Das Naturerlebniszentrum am Rande von Fischbach hat einiges zu bieten: zum Beispiel auf Deutschlands erstem Baumwipfelpfad geht es hoch hinaus. In Höhen zwischen 15 und 35 Meter lädt er zum Spaziergang in den Baumkronen ein. Kernstück des futuristischen Gebäudes des Biosphärenhauses ist die interaktive Multimediaausstellung, die spielerisch über die Besonderheiten des grenzüberschreitenden Biosphärenreservats informiert.
In Fischbach verbringen wir die Nacht und gönnen uns pfälzische Spezialitäten zum Abendessen. Morgen ziehen wir weiter Richtung Westen, immer der Heimat entgegen. In sieben Tagen schließt sich der Kreis. Dann werden wir hoffentlich am Weltkulturerbe Völklinger Hütte ankommen.

Webtagebuch 9. November

In der Nacht hat es geregnet. Unaufhörlich fielen die Regentropfen auf das Fenstersims meines Hotelzimmers. Als ich jedoch mit Rüdiger und Emma zur Wanderung nach Wissembourg starte, ist der Regen vorbei.

Nach vier Kilometern endet unsere Wanderung entlang des Rheins. Seit Konstanz war ich nun ununterbrochen am Rhein unterwegs, zunächst Richtung Westen und ab Basel Richtung Norden. Kurz vor Lauterbourg höre ich zum letzten Mal das Tuckern eines Rheinschiffes, das Richtung Süden fährt. Das Schiff liegt tief im Wasser und quält sich voll beladen gegen die Strömung. Wir könnten neben ihm her wandern, so langsam erscheint uns die Geschwindigkeit. Der Weg Richtung Norden endet hier für uns. Wir wollen Richtung Westen und orientieren uns am Wanderweg GR53, der am Rheinufer angezeigt wird. Das Wegzeichen, ein rotes Rechteck auf weißem Untergrund, soll uns von Lauterbourg nach Wissembourg führen.

Entlang einiger Straßen wandern wir durch Lauterbourg und anschließend nach Scheibenhardt. Eine Brücke über die Lauter verbindet das deutsche Scheibenhardt mit dem französischen Scheibenhardt. Die beiden Grenzschlagbäume auf deutscher Seite sind auf „Dauergeöffnet“ gestellt. In der französischen Boulangerie werden Croissants, Baguettes sowie Eclairs angeboten, in der deutschen Konditorei, wenige Meter hinter der Brücke, finden wir Apfelkuchen, verschiedene Sorten Brot und viele kleine, süße Teilchen. Wir widerstehen und machen uns auf den Weg.

Hinter Scheibenhardt beginnt ein wunderbarer Weg entlang der Lauter, die sich hier als Grenzfluss zwischen Frankreich und Deutschland hin und her schlängelt: der Sentier des Lignes de la Lauter. Auf einem Erdwall wandern wir auf kleinem Pfad. Der Wall gehörte zu einer Befestigungsanlage der Lauter, die bereits 1706 entlang der Lauter gebaut wurde. Die „Lanzensee-Schanze“ bestand aus einer durchgehenden Brüstung und aus annähernd 50 Schanzen und 28 Schleusen, mit denen man das Lautertal unter Wasser setzten konnte. Die Befestigungsanlage erstreckte sich zwischen dem Rhein und den Vogesen.

Heute ist der Brüstungswall an vielen Stellen unterbrochen. Hinter dem Wall ist der Grenzgraben, der die Grenze zwischen Deutschland und Frankreich markiert gut erkennbar. Immer wieder entdecken wir am Graben alte Grenzsteine.

Die dicken Wolken verziehen sich während der Wanderung. Vereinzelt stehende hohe Kiefern und Buchen recken ihre Kronen in den blauen Herbsthimmel. Nach 6 Stunden kommen wir in Wissembourg an und finden im „Schneckehiesel“, einem typischen elsässischen Hotel, eine Unterkunft. Morgen müssen Rüdiger und Anne wieder zurück. Mein Weg endet in einer Woche in Völklingen.

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Webtagebuch 8. November

Nach seinem zweitätigen Ausflug zur Hotelküche kehrt Rüdiger nochmals zwei Tage zurück zum Rhein, um mich auf meiner Wanderung zu begleiten.

Die Regenwolken haben sich verzogen, die Temperatur liegt am Morgen im untersten einstelligen Bereich. Als sich auch die Nebelfelder über den Schwarzwaldhöhen verziehen, erkennen wir die leicht gepuderten Berge. In der Nacht ist Schnee gefallen.

Die Wasservögel scheinen die Sonnenstrahlen sichtlich zu genießen. Schwäne laufen lautstark übers Wasser, die vielen Entenfamilien am Ufer und in den Altarmen im Auenwald machen mächtig Lärm, als wir uns ihnen nähern. Kleine Graugansformationen fliegen über uns hinweg Richtung Süden. An der Staustufe in Iffezheim die erste Rast. Im gegenüberliegen Bois de Beinheim kreisen hunderte von Graugänsen. Immer wieder steigen hunderte Gänse auf. Vielleicht wollen sie den anderen deutlich machen, dass ihr Flug nach Süden weitergeht.

Unser Weg geht weiter nach Norden. Hinter der Staustufe verlassen wir das Rheinufer, um über verschiedene Wegtrassen durch den Auenwald zu wandern, der uns stark an einen Urwald erinnert.

Ein alter Kahn weckt unsere Aufmerksamkeit. Im Altrheinarm „Schmidtseppengrund“ liegt der Aalschokker „Heini“, mit dem 1989 die Familie Hauns aus Wintersdorf die Aalfischerei. Betrieb. Der Beruf des Aalschokkerfischers war mit einem hohen Arbeitsaufwand verbunden und hauptsächlich Nachtarbeit, da der Aal das Tageslicht scheut. Nur bei Nacht oder in sehr trüben Gewässern sucht der Aal seine Nahrung. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren noch zweiundzwanzig Aalschokkfischer zwischen Mannheim und Kehl im Einsatz.

Irgendwann überquere ich während des Tages ein 5000 Kilometer-Marke. Wie viel Schritte es wohl sein mögen? Wie viel Schritte ein Mal rund um Deutschland? Vielleicht werde ich es zu Hause einmal überprüfen. Mitten auf dem Weg finde ich ein wunderschönes Steinherz. Als hätte es jemand für mich – wie zur Belohnung – auf den Weg gelegt.   

In Plittersdorf  wandern wir über die Altarmbrücke Richtung Rhein. Am Brückenkopf eine Überraschung. Aus einem Nest 15 Meter über uns beobachtet uns ein Schwarzstorch. Nur wenige Meter weiter die zweite, allerdings unangenehme Überraschung. Die Fähre, die uns von Deutschland nach Frankreich bringen soll, ist außer Betrieb.

Rüdigers Frau Anne, die im gegenüberliegenden Frankreich auf Quartiersuche ist, bringt uns mit ihrem Auto ans gegenüberliegende Ufer. Entlang des Rheins wandern wir noch einige Kilometer bis Mothern. Morgen endet in Lauterbourg die Rheinpassage und damit auch mein Weg nach Norden. Ab Lauterbourg geht’s Richtung Westen. 

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Webtagebuch 7. November

Trübe Aussichten für Emma und mich. Das Land am Rhein ist grenzüberschreitend mit Einheitsgrau überzogen. Leichter Nieselregen fällt von oben. Es ist windstill. Jedesmal wenn ich nun einen Weiher, Teich oder Altarm passiere achte ich darauf, ob große Luftblasen an der Oberfläche zu erkennen sind. Vielleicht ist Engelbert auf Fotomotivsuche und unter Wasser gerade am fotografieren.

Der gestrige Abend hat mich begeistert und fasziniert. Als Wanderer entlang des Wassers hatte ich bislang keine Vorstellung wie sich das Leben unter Wasser abspielt. Engelbert hat mir nur einen kleinen Einblick in seine Unterwasserwelt gewährt. Die Zeit war zur kurz, um das gesamte Spektrum seiner exzellenten Aufnahmen zu bewundern. Unterwasseraufnahmen kannte ich bislang nur von Bildern von leuchtend bunten Korallenriffen und vielen durchs Meerwasser wuselnden exotischen Fischen. Wie schön die Unterwasserlandschaft in dieser Ecke Deutschlands sein kann, habe ich erst gestern gesehen. Ich hoffe ich werde bald wieder Gelegenheit haben mit Engelbert per Diashow in die Unterwasserwelt einzutauchen.

Bis Freistett wandere ich mit Emma am Rheindamm. Nur vereinzelt begegnen mir Spaziergänger, meistens mit Hund. Mit Regenschirm oder tief ins Gesicht gezogenen Kapuzen bleibt nur Zeit für einen kurzen Gruß und das gegenseitige Bedauern bei diesem Wetter vor die Tür zu müssen.

Hinter Freistett nehme ich den Weg durch den Auenwald und entlang einiger Streuobstwiesen. In vielen Pappeln und Obstbäumen hängen Misteln in Hülle und Fülle. Bald ist Adventszeit. Auf den Weihnachtsmärkten werden dann die Mistelzweige angeboten. In drei Wochen ist bereits der erste Adventssonntag und ich bin mit Emma schon vor Ostern aufgebrochen. Wenn meine Gesundheit mitspielt und das Wetter keine Kapriolen anstellt werde ich in zehn Tagen in Völklingen ankommen. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht. Aber bis dahin werde ich noch 180 Kilometer zu Fuß unterwegs sein.    

Am Mündungsarm der Rench gelangen wir wieder unmittelbar an den Rheindamm. Die Fähre zwischen Frankreich und Deutschland oberhalb von Grauelsbaum hat an diesem Sonntag wenig zu transportieren. Nach einer weiteren Rheinschleife endet die Wanderung am Yachthafen von Greffern. Emma schüttelt sich. Bei diesem Wetter würde sie sich lieber auf der Couch das Fell krauen zu lassen. Ich eigentlich auch.

Heute wäre es unter Wasser sicher schöner gewesen und viel nasser auch nicht. Ich bitte Engelbert mir per mail ein paar Fotos zu schicken, damit ich meine Begeisterung mit meinen Tagebuchlesern teilen kann. Vielen Dank dafür.

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Webtagebuch 6. November

Beim Start am Morgen befindet sich Meißenheim unter einer grauen Wolkendecke. Allerdings liegt die Temperatur immer noch im zweistelligen Bereich. Bis Kehl folgen wir der Beschilderung des Rheinaueweges, eine weiße Raute mit drei blauen Wellenlinien.

Die Hafenanlagen auf der gegenüber liegenden Seite im Süden von Straßburg sind von Weitem zu erkennen. Mit Wind im Rücken haben wir nach etwa 20 Kilometern die Europa Stadt Kehl erreicht. 2004 feierten die Städte Kehl und Straßburg die erste grenzüberschreitende Gartenschau am Rheinufer. Entlang beider Rheinufer erstrecken sich mehr als 50 Hektar Parkfläche, die durch eine außergewöhnliche Brücke verbunden sind: die Passerelle des deux Rives. Die Brücke ist nur zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu überqueren und wurde von dem Pariser Architekten Marc Mimram so gestaltet, dass sich die beiden Stege der Brücke in der Mitte über dem Rhein treffen. Dort hat er eine 100 Quadratmeter große Plattform geschaffen als Treffpunkt auf der Grenze. Die beiden Brückenköpfe, auf denen die geschwungene Brücke steht, haben die Form von Schiffskörpern.

Vor wenigen Wochen war die Brücke beim Nato-Gipfel Treffpunkt der wichtigsten Politiker der westlichen Welt zu. Dort wo Barak Obama die Grenze zwischen Deutschland und Frankreich überschritt, stehe ich jetzt mit Emma auf der Plattform mitten über dem Rhein – halb in Frankreich halb in Deutschland.

Wir spazieren Richtung Innenstadt, um uns ein Plätzchen für die Mittagsrast zu suchen. Auf dem Marktplatz ist neben einem Flohmarkt auch ein Bauernmarkt aufgebaut. An einen Verkaufstand für Liköre und Schnäpse entdecke ich eine Flasche mit der Aufschrift „Ziebärtle“. Ich denke an die vergangenen Tage und die Früchte der Wildpflaume am Kaiserstuhl. Abends wollte ich mit Rüdiger einen Schnaps aus diesen Früchten verkosten. Unser Gasthaus hatte leider keinen im Angebot. Obwohl die Last des Rucksacks drückt, kaufe ich eine kleine Flasche. Zu Hause werde ich mit Rüdiger auf unsere gemeinsamen Tage anstoßen.

Über die Parkanlage der Gartenschau verlasse ich Kehl. Am Rheinufer entdecke ich einen Sandsteinquader mit der Zahl 123,  ein Relikt der alten badischen Rheinkilometrierung, die ihren Nullpunkt an der schweizerisch-badischen Grenze – heute Kilometer 170 – hatte. Unterhalb schlossen sich die bayrische, hessische und preußische Kilometrierung an. Heute hat der Rhein eine durchgehende Kilometrierung, die bei Rheinkilometer 0,000 in der Achse der Straßenbrücke Konstanz beim Ausfluss des Rheins aus dem Bodensee beginnt und mit Rheinkilometer 1034,5 bei der Mündung in die Nordsee endet.   

Auf der alten Straßenbrücke über den Rhein stauen sich die PKW bis weit nach Kehl. Wir unterqueren die Brücke und lassen Straßen- und Baulärm hinter uns. Bis Honau haben wir noch zweieinhalb Stunden zu wandern. Auf der Höhe von Auenheim mündet die Kinzig in den Rhein. Am Honauer-Weiher beenden wir unsere Tour. Für morgen ist schlechtes Wetter angekündigt.

Den Abend verbringe ich bei Freunden. Rita und Engelbert Koch wohnen in Diersburg, einen Katzensprung von Meissenheim entfernt. Engelbert ist Grenzgänger unter Wasser. Er ist begeisterter Fotograph und findet die phantastischsten Motive in der Unterwasserwelt. Auch im Badesee bei Honau ist er schon oft getaucht, ebenso wie in vielen Rheinarmen und Seen, die ich bei meiner Wanderung noch von der Oberfläche sehe. Er zeigt mir unglaubliche Bilder von der Flora und Fauna seiner Heimatgewässer. Rita verwöhnt uns mit eine thailändische Currygericht, auch für Emma wird gekocht. In der Gemütlichkeit des Abends vergesse ich tatsächlich die beiden zu fotografieren! Nicht zu glauben.

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Webtagebuch 5. November

Emma blickt sich suchend um, so als wolle sie fragen: wo ist Rüdiger? Emma wandert gerne mit mehreren Wanderern. Zum einen ist sie beschäftigt das Rudel zusammen zu halten, zum anderen fällt bei den Pausen immer noch ein extra Happen für sie ab.
Rüdiger ist zurück in den Hunsrück gefahren. Mit Emma muss ich zunächst zurück zum Luitpold-Kanal und von dort einige Kilometer zum Rheinufer wandern. Von dort aus geht es fast nur noch geradeaus. Auf dem Weg bis nach Rhinau auf französischer Seite müssen wir zwei Kurven laufen. Dazwischen verläuft der Rhein auf über fünf Kilometern kerzengerade. Soweit kann ich nicht einmal sehen, der Weg scheint sich im Horizont aufzulösen.
Bis Rhinau begegnet mir niemand. Ich versuche mich abzulenken. Denke an schöne Tage und Stunden während meiner nun bereits siebeneinhalb Monate dauernden Deutschlandumrundung. Am Rheindamm wächst links und rechts in den Wiesen Thymian. Ich pflücke mir einige Blüten und inhaliere den Duft.
Dann entdecke ich blühenden Löwenzahn. Das milde Klima der letzten Wochen lässt einige Pflanzen in diesem Herbst zum zweiten Mal erblühen. Auch einige Pusteblumen sind zu sehen.
Emma trottet gelangweilt hinter mir her. Nicht einmal ein Stöckchen hat sich hierher verirrt. Ab und zu horcht sie auf, wenn Wildschwäne mit kräftigem Flügelschlag übers Wasser ziehen oder wenn wir kleine Entenfamilien am Rheinufer aufschrecken und sie mit lautem Geschnatter auf Wasser ziehen.
An der Fähre in Rhinau herrscht Hochbetrieb. Mit Futtermittel beladene Fahrzeuge wollen von Deutschland auf die französische Seite. Auf der Straße, die von Kappel am Rhein zur Fähre führt, ist ein regelrechter Stau entstanden.
Eigentlich wollte ich vor in Rhinau die Rheinseite zu wechseln, aber auf der anderen Seite ist der Weg genau so gestaltet wie in Deutschland. Eine lang gezogene Kurve folgt Rhinau und dann wieder eine endlose lange Gerade bis zum Horizont. Ich zähle die Schiffe die von Süden nach Norden fahren und die, die von Norden nach Süden unterwegs sind. Die meisten fahren von Norden nach Süden.
Ein Jogger überholt mich und grüßt, eine Familie mit drei Kindern kommt mir entgegen. Die Kinder ziehen ziemlich lange Gesichter. Wenn nach mehreren Kilometern eine Bank weit vor uns erscheint versuche ich abzuschätzen mit wie viel Schritten wir sie erreichen. Meine Schätzungen liegen immer falsch. Aber ich kann mich somit der Monotonie der Weggestaltung entziehen. Einige Male klingelt an diesem Tag das Handy – eine willkommene Abwechslung des Wanderalltags am Rhein.

Kurz vor Meißenheim verlasse ich das Rheinufer und wandere durch den Rheinauenwald nach Meißenheim. Die Temperatur steigt auch an diesem Nachmittag auf über zwanzig Grad. Wandern im November mit sommerlichen Temperaturen. Hoffentlich hält die angenehme Temperatur noch einige Tage an.

Etwas mehr als zweihundert Kilometer muss ich mit Emma noch zurücklegen. Dann schließt sich der Kreis am Weltkulturerbe Völklinger Hütte. Ich glaube zur Eröffnung der Keltenausstellung am 20. November bin ich zurück.

HEIMAT:      
Unterwegs sein – von einem Ort zum anderen laufen - sehen was auf der andes Berges – der Grenze ist.
Und dann wieder heim kommen an einen Ort
an dem man sein kann und willkommen und geliebt ist,
das ist Heimat „dahoam sii“.

Leis

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Webtagebuch 4. November

Die heutige Wanderung ist das totale Kontrastprogramm zu den beiden letzten Wandertagen. Von Sasbach wandern wir Richtung Westen durch den Auenwald und sind nach kurzer Zeit am Rhein. Nun geht es auf dem Rheindamm Richtung Norden, fast immer am Wasser entlang über endlos scheinende lange Wege. Am Hochrhein, zwischen Schaffhausen und Basel, ist der Rhein nicht schiffbar. Ab Basel wird der Fluss bis zum Meer Großschifffahrtsstraße. Lastkähne kommen uns entgegen oder überholen uns auf ihrer Fahrt von Süden nach Norden.
Einige Kilometer hinter Sasbach dringen Flötentöne an unser Ohr. Auf der anderen Rheinseite im Elsass stehen einige Häuser. Irgendwo dort spielt jemand Flöte. Je näher wir kommen umso deutlicher ist die Musik zuhören. Der Rhein bildet die Grenze wischen Deutschland und Frankreich. Die Musik kennt keine Grenzen. Ich applaudiere übers Wasser hinweg. Und dann erklingt scheinbar nur für uns „El Condor pasa“. Wir bleiben stehen und hören fasziniert zu.
Unsere wärmenden Jacken sind im Rucksack verstaut. Im Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln wandern wir Anfang November durch strahlenden Sonnenschein. Warmer Fönwind erreicht uns von Süden. Ein Sommertag im November. Der Schiffsverkehr nimmt zu. Die Schiffe werden größer. Irgendwann passiert uns ein Schubschiff Richtung Süden. Es trägt den Namen Dillingen, einer Stadt an der Saar im Saarland. Heimatgedanken überkommen mich. In weniger als 14 Tagen werde ich zu Hause sein.
Kurz vor dem Leopolds-Kanal müssen wir den Rhein verlassen. Der Damm und die Wasserregulierungsanlagen werden beidseitig instand gesetzt. Großbaustelle am Wasser. In Rheinhausen entscheiden wir die Wanderung nach 17 Kilometern zu beenden.
Auf dem Weg zum Dorf begegnet uns ein junges Mädchen mit einer vier Monate alten Deutschen Dogge. Sofort ist Emma hellwach, der langweilige Trott am Rhein sofort vergessen. Emma animiert die Dogge zum spielen. Fast eine halbe Stunde toben beide durch die Wiesen und Felder. Sie kann überhaupt nicht genug davon bekommen und dies nach dem langen Fußmarsch des Tages.
Die blaue Stunde des Wandertages endet am Gasthaus zum Schiff in Rheinhausen bei einem kühlen Bier. Anne, Rüdigers Frau, ist bereits unterwegs um ihn abzuholen. Morgen werde ich mit Emma an den Rhein zurückkehren und weiter Richtung Norden wandern.

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Webtagebuch 3. November

Neben den terrassenartig angelegten Rebflächen sind Lösshohlwege charakteristische Landschaftselemente am Kaiserstuhl. Seit 1989 sind auf dem Gebiet von Vogtsburg sechs gut erhaltene Hohlwege als „Flächenhafte Naturdenkmale“ unter Schutz gestellt. Gleich zu Beginn unserer Tour wandern wir durch die Eichgasse, einen der eindrucksvollsten Hohlwege im gesamten Kaiserstuhlgebiet. Fast 15 Meter tief hat sich der Weg in den Lössboden eingegraben. Über mehrere hundert Jahre wurde durch tausende von Ochsenkarren und unzählige Sturzbäche aus dem steilen Lössweg eine Hohlgasse geformt.

Es wird ein fast nicht enden wollender Anstieg an diesem Morgen. Über dreihundert Höhenmeter müssen wir überwinden bis zum höchsten Punkt, dem Totenkopf, auf 557 Höhenmetern. Die Hochnebelfelder lichten sich, der Blick wird frei auf die Rheinebene, die Höhenzüge der Vogesen und im Süden Freibug mit den dahinter

liegenden Schwarzwaldbergen. Wir befinden uns auf dem Kaiserstuhlpfad von Bickensohl nach Endingen. Der Wandertag wird zu einem großartigen Wandererlebnis. Der Weg ist nicht nur gut beschildert sondern die Wegtrasse wurden mit vielen Höhepunkten erstklassig gestaltet.

Kurz vor Endingen entschließen wir uns am Waldrand zu rasten. Emma kuschelt sich ins bunte Laub der Bäume. Sie ist von den Herbstfarben des Laubes kaum zu unterscheiden. Wenn die Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke fallen, leuchtet der Herbstwald in allen traumhaften Farben, von Goldgelb bis Dunkelbraun.

Über eine Kastanienallee erreichen wir auf schmalem Pfad den Ortrand von Endingen. Dort stoßen wir auf die Beschilderung des Kirschbaumpfades, der von Riegel über Endingen nach Sasbach führt. Noch führen uns 13 beeindruckende Wanderkilometer durch den Naturgarten Kaiserstuhl. An einer Baumreihe hängen kleine, runde, lilafarbene Früchte. Der Besitzer klärt uns auf. Es handelt sich um Wildpflaumen, besser bekannt in dieser Gegend als „Ziebärtle“. Der Schnaps aus den Früchten soll sehr gut schmecken. Heute Abend wollen wir ihn probieren.    

Nach fast neun Stunden erreichen wir Sasbach. Die Sonne steht bereits tief im Westen hinter den Bergen. Leider bekommen wir in unserer Herberge keinen Wildpflaumenschnaps. Dafür ein Bett und einen guten Wein. Morgen wird Rüdiger noch einen Tag mitwandern. Dann muss er zurück „an seinen Herd“. Für Emma und mich beginnen die letzten 14 Tage unserer gemeinsamen langen Wanderung rund um Deutschland.   

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Webtagebuch 2. November

Vor etwa 60 Millionen Jahren senkte sich der Oberrheingraben immer weiter ab. Eine Folge davon war, dass flüssiges Gestein aus der Erdkruste floss und der spätere Kaiserstuhl zu einem Vulkan anwuchs. Als sich das Magma beruhigt hatte, trug die Witterung einen Großteil des Gebirges wieder ab. Der Kaiserstuhl ist eine Vulkanruine, die sich durch vielfältige Gesteinsarten und fruchtbaren Lössboden auszeichnet.

Die Böden und das überdurchschnittliche warme Klima schaffen optimale Bedingungen für Spitzenweine. Die Landschaft um den Kaiserstuhl ist geprägt durch Rebterrassen.

Dorthin wandere ich mit Rüdiger und Emma. Wir werden zwei Tage Richtung Norden unterwegs sein, um die Landschaft am Kaiserstuhl kennen zu lernen. Seit einigen Jahren hat das Gebiet eine Vielfalt von Themenwanderwegen: den Wiedehopfpfad, den Steinkauzpfad, den Neulindenpfad, den Knabenkrautpfad und zuletzt den Qualitätsweg Kaiserstuhlpfad. Wandergenuss auf der Sonnenterrasse zwischen Schwarzwald und Rhein.

In Breisach ist am Dienstagmorgen nach dem Feiertagswochenende Ruhe eingekehrt. Entlang des Fahrradweges neben der Landstraße verlassen wir Breisach, um nach Ihringen an den Fuß des Kaiserstuhls zu gelangen. Unterwegs durchqueren wir große Obstplantagen. An vielen Apfelbäumen hängen noch die Früchte. An einigen Bäumen entdecken wir sogar Anfang November rosarot-weiße Apfelblüten. In Ihringen erkundigen wir uns in der Touristinformation nach den verschiedenen Möglichkeiten, den Kaiserstuhl nach Norden Richtung Rhein zu überqueren. Wir entscheiden uns für den neu geschaffenen Kaiserstuhlpfad, der uns nach Endingen bringen soll. Von Endingen geht’s über den Kirschbaunpfad nach Sasbach am Rhein. Dort wollen wir morgen Abend ankommen.

Hinter der Kirche verlassen wir über einen Anstieg Ihringen. Wir durchwandern auf dem Weg nach oben wunderbare alte Holwege. Wir scheinen durch einen riesigen Krater zu laufen. Eingebettet und im Schutz dieser alten Vulkanmauern stehen terrassenartig die Rebstöcke. Je höher wie steigen, desto besser erkennt man das Ausmaß dieser gigantischen Landschaftsformation Kaiserstuhl. Das Höhenprofil des Kaiserstuhlpfades gleicht dem einer schweren Alpenetappe während der Tour de France. Die Gipfel am Kaiserstuhl sind zwar nicht so hoch aber das ständige Auf und Ab fordert Kraft und Kondition. In den Weinbergen herrscht an diesem Morgen absolute Ruhe. Kein Windhauch ist zu spüren, kein Vogel ist zu hören. Gegen Mittag lichten sich teilweise die Hochnebel am Oberrhein und in den Vogesen. Die ersten Höhenzüge werden sichtbar.

Abends sind wir mit Petra Niederquell und Herbert Thyssen verabredet. Anfang September hatte ich die beiden auf dem Weg von Passau nach Suben in Wernstein am Inn getroffen. Sie sind in Breisach zu Hause. Dort wollten wir uns wieder sehen.

Beim Abschied verabreden wir das nächste Treffen: in Rüdigers wunderschönem Hotel im Hunsrück, der Historischen Schlossmühle, werden wir uns wieder sehen.  

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Webtagebuch 1. November

Die Europastadt Breisach am Rhein war nach dem Zweiten Weltkrieg bis zu 85 Prozent zerstört. Bereits 1950 forderte die „Europa-Bewegung“ die Bevölkerung auf, sich für ein zukünftiges grenzüberschreitendes Europa zu entscheiden.

Die Wahlbeteiligung lag bei 87 Prozent. 96 Prozent der Bevölkerung entschieden sich damals schon für ein freies Europa.

Im Zeichen der deutsch-französischen Freundschaft und als Brückenschlag im Herzen Europas verschwisterte sich Breisach 1960 mit Saint-Louis und 2000 mit Neuf-Brisach. Zum 50igsten Jahrestag der Breisacher Europa-Abstimmung schuf der in Breisach ansässige Künstler Helmut Lutz eine Skulptur aus griechischem Marmor und Bronze, die aus dem Münsterplatz enthüllt wurde.

Die griechische Mythologie erzählt von Zeus und seiner Verwandlung in einen Stier, der auf seinem Rücken die Königstochter Europa nach dem nach ihr benannten Europa vom Orient zum Okzident trägt. Gleich den Fluten des Meeres in der Mythologie durchbricht der Stier den Pflasterboden vor dem Breisacher Münster. Die Gestalt ist dem Stier von Knossos angelehnt. Dem Aufbrechen in ein neues Europa entspricht Hand und Fuß, gehen und handeln. Das Dreieck ist das Zeichen der Region hier im Herzen Europas.

Am Eckartsberg folge ich dem „Weg der Lyrik“. Auf dem sagenumwobenen Berg befand sich im frühen Mittelalter die Burg des „Getreuen Eckart“. Bis ins 18.Jahrhundert war die Burganlage geprägt von unterirdischen Kasematten und Kasernen. Seit dem 19. Jahrhundert gehört der Eckartsberg zu den berühmten Weinlagen der Region. Rund um den Weinberg finden  sich Lyrik und Zitate zu den Themenbereichen Breisach und der Rhein, Grenze und Europa, Krieg und Geschichte, Jahreszeiten und Wein.

Während meines Spaziergangs rund um den Eckartsberg finde ich ein Zitat von Richard von Weizsäcker (Bundespräsident von 1984 – 1994). „Nicht ein Europa der Mauern kann sich über Grenzen hinweg versöhnen, sondern ein Kontinent, der seinen Grenzen das Trennende nimmt“

Oben auf dem Berg bietet sich ein phantastischer Rundumblick. Im Westen die Vogesen mit Grand Ballon (1424 m), Petit Ballon (1272 m), Hohneck 1362 m) und Col de la Schlucht (1139 m). Im Osten der Kaiserstuhl sowie der Schwarzwald mit Kandel (1242 m) und dem Schauinsland (1284 m).

Während des Spaziergangs durch Breisach treffe ich Menschen, für die Grenzen keine Bedeutung haben. Ein Ehepaar aus Krozingen, das nach dem Verkauf ihres Geschäfts eine achtmonatige Rucksackreise rund um die Welt angetreten hat. Die aus Ungarn stammende Katalin David, die vor zwei Tagen von Freiburg nach Breisach umgesiedelt ist. Für sie existieren keine Grenzen mehr. Internet, so sagt sie, lässt uns weltweit, grenzenlos surfen. Peppi und Biljana aus Bulgarien treffe ich am Münsterplatz. Die beiden Frauen leben mit ihren Männern in Bonn. Gerade kommen sie von einem Kurzurlaub aus der Schweiz zurück.

Den Abend verbringe ich mir Freunden. Anne und Rüdiger sind aus dem Hunsrück angereist. Rüdiger wird mich während der kommenden drei Tage begleiten. Corina und Alexander aus Badenweiler, bei denen habe ich vor wenigen Tagen zu Gast war, sind ebenfalls nach Breisach gekommen. Wir sitzen gemeinsam beim Italiener unmittelbar an der deutsch-französischen Grenze. 

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Webtagebuch 31. Oktober

Staufen liegt noch im Tiefschlaf, als ich am frühen Sonntagmorgen Richtung Rhein aufbreche, zurück zur Grenze. Wir wandern in nordwestlicher Richtung nach Bad Krozingen. Die Berge des Schwarzwalds im Rücken, linker Hand, nur schattenartig zur erkennen, die Hügelkette der Vogesen, vor uns, rechter Hand tauchen irgendwann die Terrassen des Kaiserstuhls auf. Dort werde ich in der nächsten Woche zwei Tage Richtung Norden unterwegs sein.

Die leichten Nebelbänke sind verschwunden. In Bad Krotzingen scheint die Sonne mit voller Kraft. Das Herbstlaub raschelt inzwischen auf allen Wegen. Emma sprintet durch den Blätterwald immer auf der Suche nach neuen Botschaften für ihre Nase. Den Kurpark durfte Emma nur mit Leine durchqueren. Hinter Bad Krotzingen hat sie wieder freien Lauf. Noch einmal wird es für kurze Zeit laut, als wir die Autobahntrasse Karlsruhe-Basel unterqueren. An dieser Stelle sind die Auf- und Abfahrten nach Bad Krozingen, Staufen und Breisach.

Es dauert noch über zwei Stunden, bis wir endlich den Rhein erreicht haben. Dort kommt mir bereits Hans-Jochen Voigt entgegen, ausgestattet mit Kamera und Schreibblock. Neben seiner Tätigkeit als Journalist führt der pensionierte Kriminalbeamte auch Besucher durch das gegenüberliegende Neuf-Brisach im Département du Haut-Rhin.

Bereits 1959 hat der französische Staatspräsident Charles de Gaulle in Straßburg, den Rhein als Bindeglied zwischen den Völkern bezeichnet. Im Wortlaut sagte er: „Ich sagte es bereits 1945, ich wiederhole es heute mit größter Überzeugung, der Rhein, Euer Rhein, darf nicht länger ein Graben sein, der Rhein soll eine Straße sein, in welche von beiden Seiten Reichtümer, Produkte, Ideen, Energien einfließen. Der Rhein soll ein Bindeglied sein zwischen allem Großen und Starken beiderseits dieser Ufer“.

Breisach, die Europastadt, direkt am Rhein gelegen, gilt als Bindeglied zwischen Deutschland und Frankreich. Morgen werde ich dort einen Ruhetag einlegen und entspannt über Grenzen spazieren. Emma sind Grenzen egal, sie freut sich aufs Laufen.

Ein Japanisches Sprichwort sagt: „Hebt man den Blick, so sieht man keine Grenze“.

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Webtagebuch 30. Oktober

Abschied von Corinna und Alexander nach einem ausgiebigen Frühstück in Badenweiler. Sie haben versprochen in den nächsten Tagen mal auf einen Sprung vorbei zu kommen. Den Hausberg von Badenweiler, der Blauen, im Rücken, erwartet mich gleich zu Beginn des Tages ein steiler Anstieg. Das Bild der beiden letzten Tage wiederholt sich, als ich oben ankomme.

Sonnenüberflutete Weinberge, nach Westen die Vogesen, wie mit einem Lineal entlang des Rheingrabens von Nord nach Süd gezogen. Wir wandern durch kleine Winzerdörfer, oder tangieren sie an ihren letzten Häusern. Das Markgräfler Wiiweglis wurde vom Schwarzwaldverein 1978 offiziell eingeweiht. Damals führte das Wiiwegli von Weil am Rhein bis Staufen. Die Verlängerung nach Freiburg kam später hinzu. Den Wegewarten möchte ich an dieser Stelle ein dickes Lob aussprechen. Nicht ein einziges Mal habe ich mich auf der Strecke verlaufen. Die Beschilderung des Weges ist absolut Spitzenklasse. Ich werde sicherlich in den nächsten Jahren den Weg von Weil am Rhein nach Freiburg wieder wandern. Von den grandiosen Panoramablicken kann ich nicht genug bekommen. 
Über Zunzingen, Britzingen, Laufen, Sulzburg, Ballrechten-Dettingen und Grunern komme ich am Nachmittag unterhalb der Burgruine in Staufen an. Unterwegs habe ich Hans und Karin Hanelt getroffen. Hinter Weil am Rhein hatten wir zusammen an einem Rastplatz Pause gemacht, heute Morgen haben wir uns vor Sulzburg getroffen und auf dem Marktplatz in Staufen begegnen wir uns zum dritten Mal für diese Woche.

Die beiden haben ihre Grenzerfahrungen 1981 gemacht, als sie einen Ausreiseantrag aus der DDR in die Bundesrepublik Deutschland stellten. Nachdem sie von Görlitz endlich im Westen waren, suchten sie sich Baden Württemberg als zukünftige Wahlheimat aus. Ich will wissen warum. „Ganz einfach“, lächelt Karin, „Baden Württemberg hatte damals die niedrigste Arbeitslosenrate. Da kriegen wir bestimmt Arbeit habe ich damals zu meinem Mann gesagt“. Die beiden haben sehr schnell Arbeit gefunden. In Lahr, in der Nähe von Offenburg, sind sie sesshaft geworden.   In einem kleinen Cafe im Schatten der Kirche sitze ich mit Emma in der Sonne und genieße der Wanderfeierabend bevor wir in unser Quartier weiterziehen.  

Staufen schmückt sich gerne mit der Bezeichnung Fauststadt. In Staufen soll der von Johann Wolfgang von Goethe im Drama Faust, der Tragödie erster Teil beschriebene sagenumwobene Alchemist, Astrologe und Schwarzkünstler Dr. Johann Georg Faustus, während der Renaissance gelebt haben und gestorben sein. Dr. Johann Georg Faustus soll vom verschuldeten Burgherren Anton von Staufen als Goldmacher angestellt worden sein. Im Jahr 1539 soll Faust in seinem Zimmer im Gasthaus Löwen (am Marktplatz) bei einer Explosion, wahrscheinlich bei einem alchemistischen Experiment, ums Leben gekommen sein. Davon berichtet eine Inschrift an der Fassade des Gasthauses:

Anno 1539 ist im Leuen zu Staufen Doctor Faustus so ein wunderbarlicher Nigromanta (Schwarzkünstler) gewesen, elendiglich gestorben und es geht die Sage, der obersten Teufel einer, der Mephistopheles, den er in seinen Lebzeiten lang nur seinen Schwager genannt, habe ihm, nachdem der Pakt von 24 Jahren abgelaufen, das Genick abgebrochen und seine arme Seele der ewigen Verdammnis überantwortet.

Im September 2007 wurden in Staufen sieben Bohrungen bis in 140 m Tiefe niedergebracht zur Erkundung einer möglichen Erdwärmegewinnung für das historische Rathaus. Diese führten dazu, dass sich seit Ende 2007 der historische Stadtkern von Staufen um monatlich rund einen Zentimeter hob. Ab März 2009 wurden zusätzliche Erkundungsbohrungen durchgeführt, welche die vermutete Ursache bestätigten: Die Sondierungsbohrungen hatten eine Verbindung zwischen einer Schicht mit unter hohem Druck stehendem Grundwasser und einer darüber liegenden ca. 40 m mächtigen Gipskeuperschicht geschafft.

Durch die Wasseraufnahme wandelt sich das darin befindliche Anhydrit zu Gips um, was sein Volumen beim Aufquellen etwa verdoppelt. Das ganze Ausmaß der Schäden nicht nur für das erst im Jahr 2007 sanierte und besonders betroffene Rathaus wie auch für die ganze denkmalgeschützte Altstadt ist nicht absehbar. Mittlerweile (Stand Oktober 2010) sind 247 Häuser betroffen, davon 127 besonders stark beschädigte, welche regelmäßig von einem Büro für Baukonstruktionen überwacht werden.  

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Webtagebuch 29. Oktober

Da die nächste Etappe des Markgräfler Wiiwegli mit nur fünfzehn Kilometer ausgeschrieben ist, entscheide ich bei weiterhin traumhaftem Wetter unseren Weg nach Norden fortzusetzen.

Vom Rheintal müssen wir wieder nach oben steigen. In den Weinbergen herrscht Ruhe. Die Winzer sind dabei, im Tal die eingebrachte Ernte zu verarbeiten. Rabenhorden streiten sich um übrig gebliebene Walnüsse am Wegesrand. Fast hinter jeder Wegbiegung stehen stattliche Nussbäume. Wenn ich eine Walnuss entdecke, rolle ich sie mit kräftigem Schwung über den Weg. Ein wunderbares Spiel, denn Emma sprintet begeistert hinter der Nuss her. Schnappt sie, wirft sie durch die Luft und versucht sie mit ihren Pfoten weiterzurollen. Wenn sie genug davon hat, wird die Nuss mit einem Biss geknackt und anschließend der Inhalt verspeist. Emma liebt Walnüsse.

Die warmen Temperaturen und die tolle Fernsicht lassen mich an diesem Morgen viele Bänke ansteuern, um den Ausblick und die Ruhe hoch oben in den Weinbergen zu genießen.

Die Weinspezialität des Markgräfler Landes ist der Gudedel, den Karl Friedrich von Baden 1780 von der Schweiz ins Markgräfler Land brachte. Der Gudedel gilt als die älteste Kulturrebe, deren Anbau am mittleren Nil in Ägypten verbürgt ist. Die Verbreitung dieser Rebe an die Römer und die Griechen erfolgte vermutlich durch die seefahrenden Phönizier.

An einem Rastplatz weisen einige Zeilen des alemannischen Mundartdichters Johann Peter Hebel auf die Schönheit der Landschaft hin:

„GANG LUEG E’WENIG D’GEGNIG A
 I GLAUB, DE WIRSCH E’GFALLE HA“.

Bei der Ortdurchquerung in Schliengen lockt ein Straßencafe mit Milchkaffee und Butterbretzel zur Rast. Am Nebentisch sitzen Corinna und Harry. Wir kommen ins Gespräch. Wenig später sitze ich an ihrem Tisch und als wir uns wieder von einander verabschieden habe ich für den Abend eine Unterkunft bei Corinnas Familie. Allerdings muss ich dafür vier Extrakilometer von Müllheim nach Badenweiler wandern. Aber die Einladung zu Rotwein mit französischem Käse ist zu verlockend.

Als ich auf den Höhen vor Müllheim ankomme, telefonieren wir uns zusammen. Corinna kommt mir mit ihrem Hund entgegengelaufen. Sie war Marathonläuferin und hat in ihrer besten Zeit einen Marathon unter 3’40 h geschafft. Für sie, wie sie erzählt, eigentlich keine Grenzerfahrung, denn das Laufen hat ihr immer Spaß gemacht. Sie musste sich nie über die Marathonstrecke quälen.

Als ich in Badenweiler ankomme, steht die Sonne bereits tief über den Vogesen. Alexander, Corinnas Partner, ist noch in Basel unterwegs und besorgt Käse. Es wird ein unterhaltsamer Abend mit Spaghetti, Käse, Baguette und wunderbaren Rotweinen des Markgräfler Landes. Danke für die schöne Zeit in Badenweiler.

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Webtagebuch 28. Oktober

In den nächsten Tagen werde ich mit Emma durchs Markgräfler Land Richtung Norden wandern. Das Markgräfler Land steht für fruchtbare Böden und sonnenverwöhnte Landschaft. Direkt am ersten Tag profitieren wir davon. Als wir am Lindenplatz in Altweil die Beschilderung des Wiiweglis finden, fallen die ersten Sonnenstrahlen von Osten über den Hang. Nach wenigen Minuten sind wir umgeben von Rebflächen, großen Gärten und Streuobstwiesen. Vom Rheintal wandern wir stetig nach oben. Auf einer Wiese steht ein Apfelbaum mit rotbackigen Früchten. Der Morgentau hängt noch an der Außenhaut der Äpfel.

Immer wieder geht der Blick zurück ins Tal. Das gesamte Ausmaß der Stadt Basel wird sichtbar, rauchende Schlote, Industrieanlagen und Hochhäuser. Die Einflugschneise des Flughafens ist gut auszumachen. Über der Stadt liegt eine dicke Rauchschicht. Der Lärm der Stadt ist oben in den Weinbergen nicht mehr zu hören.

Die Rebstöcke sind abgeerntet. Vereinzelte Trauben hängen im teilweise vertrockneten Laub. Sie schmecken zuckersüß.

Nach einer knappen Stunde erreichen wir hoch über dem Rhein das Winzerdorf Weil-Ötlingen. Der Weg führt direkt am Café INKA vorbei. Es öffnet erst um 12.00 Uhr. Als wir vor dem Café stehen zeigt die Uhr halb elf. Im Hinterhof entdecke ich die Küche und zwei eifrige Frauen beim Kuchenbacken und Vorbereiten der Mittagsmahlzeiten. Die Juniorchefin, Barbara Koger, öffnet mir den Innenraum des Cafès, das einen außerordentlichen Schatz zu bieten hat.

Bei Renovierungsarbeiten 1988 entdeckte Familie Koger eine ganz besondere Tapete, die 1819 in der Pariser Manufaktur Dufour & Leroy mit mehr als 2000 hölzernen Druckstöcken in 83 Farben gedruckt worden war. Die Tapete zeigt Ereignisse aus dem Leben der Inkas vor der Zerstörung ihres Reiches durch den Spanier Pizzaro. Textunterlage für die Szenen war der Roman „Les Incas, ou la destruction de L’Empire du Perou“ von Jean Francois Marmontel. Die Vollständigkeit in der Bildfolge und die Tatsache dass die Tapete noch in ihrem ursprünglichen Rahmen, dem ehemaligen Gasthaussaal, gezeigt werden kann, geben der Ötlinger Panoramatapete ihre besondere Bedeutung.

Nach der Besichtigung sitze ich im Garten genieße ein Stück Käsekuchen und trinke dazu einen Milchkaffee. Die Sonnenstrahlen wärmen mich im windgeschützten Hof. Paradiesische Zustände.  

Nach dem Abstieg von Ötlingen ins Tal und der Überquerung der Bundesautobahn folgt ein weiterer Anstieg hinter Binzen. Rebstöcke so weit das Auge sieht. Kurz vor dem höchsten Punkt steht ein Wingerthäuschen mit der Aufschrift: Rebhaus zum Alpenblick. Ich blicke zurück. In der Verlängerung der Blickachse des Rebhäuschens und des Kirchturms der Ötlinger Kirche erkenne ich die riesigen Bergzacken der Alpenkette. Noch vor wenigen Wochen bin ich mit Emma dort gewandert. Unten im Tal die Smokglocke über Basel. Im Blick nach Westen der hinter dem Rhein liegende Sundgau im französischen Elsaß und die Ausläufer der Vogesen. Nach Norden fließt wie ein silbernes Band der Rhein, im Osten die ansteigenden Berge des Schwarzwaldes. Ein Panoramablick der Extraklasse.

Nach achteinhalb Stunden erreichen wir Bad Bellingen. Im Schwarzwälder Hof, einem Hotel mit dem Gütesiegel „Wanderbares Deutschland“, finden wir für eine Nacht eine Bleibe. Emma bekommt von der Chefin des Hauses eine Extraportion Haferflocken mit Milch. Die Weine aus dem Markgräfler Land, die ich an diesem Abend probiere, schmecken ausgezeichnet. Wollen wir hier bleiben oder wollen wir weiter? Ich entscheide das morgen.

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Webtagebuch 27. Oktober

Vom Hotel in Riedmatt sind es nur wenige Meter zum Rheinuferweg. Die Wasservögel scheinen noch zu schlafen. Auf bunten Herbstblättern liegen die ersten Sonnenstrahlen. Der Wanderweg direkt am Rhein lässt mich auf einen tollen Wandertag hoffen. Doch der Schein trügt. Die Idylle ist jäh dahin, als nach wenigen Kilometer die ersten Fabrikgebäude rechter Hand sichtbar werden. Hinzu kommt die Großbaustelle des Rheinkraftwerks Rheinfelden. Das alte Kraftwerk ist abgerissen worden, das neue entsteht. Der Wanderweg führt mitten durch die Großbaustelle. Riesige Schaufelbagger und LKW-Ungetüme mit großen Ladeflächen machen neben vielen anderen Gerätschaften einen ungeheueren Lärm. Erschreckt zieht Emma an der Leine. Sie will weg, genau wie ich. Es dauerte aber eine geraume Zeit, bis wir die Baustelle hinter uns haben.

Kurz vor Rheinfelden erhalte ich von zwei Joggerinnen den Tipp auf Schweizer Seite weiter zu wandern. An der alten Brücke im deutschen Laufenburg überquere ich den Rhein Richtung schweizerisches Laufenburg. Die Europa-Fahne weht am deutschen Brückenzollgebäude.

Aus beiden Seiten überqueren Menschen die Brücke. So ähnlich mag es damals gewesen sein, als Josef von Eichendorf 1826 das tägliche Dienstleben eines Zöllners beschrieb: „Den ganzen Tag (zu tun hatte ich nichts) saß ich daher auf dem Bänkchen vor dem Hause in Schlafrock und Schlafmütze, rauchte Tabak und sah zu, wie die Leut` auf der Landstraße hin und her gingen, fuhren und ritten“.

Auf der rechten Seite der Brücke wehen die Fahnen aller Bundesländer Deutschlands, auf der linken Seite die Fahnen der Schweizer Kantone. Am Brückenkopf lockt ein Cafe mit traumhaften süßen Verführungen. Ich widerstehe – ziehe mit Emma weiter. Zum letzten Mal wandern wir am Hochrhein Richtung Westen. Am Kraftwerk in Augst wechseln wir nochmals die Seiten.

Dann beginnt ein langer Asphaltweg Richtung Wyhlen und Grenzach. Hinter Grenzach kommen wir dem Rhein nochmals sehr nahe, ehe wir nach Norden zum letzten Mal ein kleines Stück durch die Schweiz wandern. In Riehen bringen mich nette Menschen immer wieder auf den rechten Pfad. Zweimal überqueren wir die „Grüne Grenze“ ohne es wirklich zu bemerken.

In Riehen treffen wir auf den Johann Peter Hebel-Wanderweg, der von Basel zum Feldberg im Schwarzwald verläuft. Hebel wurde am 10. Mai 1760 in Basel geboren und starb am 22. September 1826 in Schwetzingen. Der Dichter, Lehrer, Theologe und Kirchenpolitiker schrieb aus Sehnsucht nach seiner Heimat Basel und dem Wiesental, nördlich von Lörrach, Gedichte in alemannischer Mundart. Seine 1803 erstmals erschienen „Alemannischen Gedichte“ machten den Dialekt literaturfähig. Als Kalendermann verfasste er zum Teil schwankhafte Kurzgeschichten mit treffsicheren Sprachkraft. Eine Auswahl seiner Geschichten findet sich in der Sammlung „Schatzkästlein des Rheinländischen Hausfreundes“ von 1811, die seit dieser Zeit unzählige Male nachgedruckt wurde.

Mit Emma überquere ich den Fluss Wiese und befinde mich am Ortsrand von Weil am Rhein. Vor einigen Wochen bin ich im Südosten Deutschlands aufgebrochen, um vom Osten Richtung Westen zu wandern. Heute geht diese Ost-West-Passage zu Ende. Ich bin mit Emma im Südwesten angekommen. Morgen wollen wir nach Norden weiterwandern. Das so genannte „Markgräfler Wiiwegli“ soll uns auf dem Weg Richtung Staufen bringen. 

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Webtagebuch 26. Oktober

Von Laufenburg nach Laufenburg, das heißt wir wandern über die Rheinbrücke von Baden-Württemberg in den Kanton Aargau, von Deutschland in die Schweiz. Das ehemals vereinte Laufenburg, diesseits und jenseits des Rheins gehörte bis zur Trennung durch Napoleon 1801 zu Vorderösterreich. Das linksrheinische Laufenburg wurde 1803 dem neu gegründeten Kanton Aargau zugeordnet.
Die Habsburger hatten die strategische Lage von Laufenburg erkannt. Graf Rudolf II. von Habsburg baute den Ort zur befestigten Stadt aus. Laufenburg wurde Residenz der Grafen von Habsburg und wichtiger Handels-, Verwaltungs- und Gerichtsplatz.
Heute sind die beiden Laufenburgs wieder eng miteinander verbunden. In wenigen Wochen findet grenzüberschreitend „Altstadt-Weihnachten“ statt. Gemeinsame Kulturtage oder die von den Gastronomen getragenen Habsburger Wochen zeugen von einer engen Zusammenarbeit.

Richtung Bad Säckingen wandere ich am Schweizer Rheinufer. Der schmale Pfad schlängelt sich nur eine Handbreite vom Rheinwasser entfernt am Ufer entlang. Die Morgensonne durchdringt das Herbstlaub der Bäume. Kormorane ziehen mit kräftigem Flügelschlag haarscharf über die Wasserkante. Graureiher beschimpfen uns im Davonfliegen mit spitzen Schreien, als wir sie an ihren strategisch günstigen Futterplätzen stören. An einem über zwei Meter dicken Baum hat ein Biber Herkulesarbeit geleistet. Die frischen Nagespuren zeugen von einer intensiven Nachtarbeit. Der Baum wird in wenigen Tagen in den Rhein kippen.
Alle fünfhundert Meter erinnern die grauen Betonbunker an eine Zeit, da es an der Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland nicht so friedlich war wie heute.

Nach drei Stunden werden die ersten Häuser von Bad Säckingen sichtbar. Über Europas längste gedeckte Holzbrücke wandere ich vom schweizerischen Stein ins deutsche Bad Säckingen. In Bad Säckingen bin ich dann dem Trompeter von Säckingen auf der Spur. Leider erfolglos.
Der Dichter Johann Victor von Scheffel hat das Versepos vor über 150 Jahren geschrieben. Der Kater Hiddigeigei dient als Sprachrohr des Dichters und begleitet die Liebesromanze zwischen dem bürgerlichen Sohn Franz Werner Kirchhofer und dem adeligen Fräulein Maria Ursula von Schönau, die in der Scheffel’schen Dichtung Margaretha heißt. Von der Höhe eines Turms blickt Hiddigeigei auf das „Treiben der Parteien“. Sein Glaube an das Gute ist zerbrochen. Der arme Kater fürchtet sich vor dem Alter und beschreibt den Niedergang der Menschen und der Dichtung.
Heute ist der Kater Hiddigeigei Bad Säckingens Symbolfigur für Glück und gutes Gelingen.

Hinter Bad Säckingen nutze ich mit Emma den Rheinuferweg auf deutscher Seite. Eine kleine Hinweistafel zeigt an, dass ich mich am südlichsten Zipfel des Landkreises Waldshut befinde. Zwischen Bad Säckingen und Schwörstadt klingelt mein Handy. Hans-Martin Vögtle möchte mich treffen. Zum einen ist er mit Leib und Seele der „Nachtwächter von Bad Säckingen“ (mindestens eine Führung pro Abend) zum anderen ist er freier Mitarbeiter der ortsansässigen Zeitung. Wir treffen uns unterwegs am Weg entlang des Rheins irgendwo im Grünen. In den nächsten Tagen wird ein weiterer Bericht von Emma und dem Grenzgänger erscheinen. Hans-Martin ist begeistert von unserer Tour. Wenn wir im Elsaß wandern, will er uns für einen Tag besuchen.
Der deutsche Rheinuferweg ist asphaltiert. Die Idylle des Morgens ist dahin. In Riedmatt bestelle ich per Handy ein Zimmer. Das Hotel zum Storchen ist eine gute Wahl.

Fazit des Tages:       
Glück ist…
mit Emma im sonnendurchfluteten Herbstlaub
zwischen Laufenburg und Bad Säckingen am Hochrhein
auf schmalem Pfad, handbreit neben der Rheinwasserkant linksrheinisch Richtung Westen zu wandern.

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Webtagebuch 25. Oktober

Über die Brücke nach Kaiserstuhl verlasse ich Deutschland Richtung Schweiz. Der Rheinwanderweg verläuft fast auf meiner gesamten Tagesstrecke am Rheinufer entlang. Am dicht bewaldeten Schweizer Ufer säumen zahlreiche Bunker aus dem zweiten Weltkrieg den Weg. Die meisten Dächer der Bunker sind inzwischen überwuchert. An der grünen Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz erobert die Natur ihr Terrain zurück. In einigen Bunkern wurden Nistkästen für verschiedene Vogelarten und Fledermäuse aufgestellt. Friedliche Nutzung einer Bunkerkette am Rhein nach über 70 Jahren.

An einem der Bunker steht:         Fullfeld-Rhein
                                             Infanteriewerk 2-stöckig
                                             Bewaffnung 2 x MG 11 resp. 51 (7,5 mm)
                                             Baujahr 1938
                                             Eigentümer Schweizer Militärmuseum Full
                                             Festungsmuseum Reuenthal

Über Rümikon, Mellikon, Rekingen Bad Zurzach, Rietheim und Koblenz wandere ich mit Emma weiter Richtung Westen. Wir sind allein am Rhein unterwegs. Kühler Wind und eine dichte Wolkendecke lassen mich ein erhöhtes Tempo anschlagen. Emma ist das egal. Sie hat genügend Möglichkeiten sich auszutoben.

Unter dem Motto „Natur kennt keine Grenzen“, haben die Einwohner des Aargau 1993 in einer Volksinitiative dem „Auenschutzpark - für eine bedrohte Lebensgemeinschaft“ zugestimmt. Seitdem ist Auenschutz im Aargau Verfassungsauftrag niedergeschrieben. Das ist einzigartig in der Schweiz. Bis zum Jahr 2014 werden die Auen wieder aufgewertet und nehmen dann mehr als 1 % der Kantonsfläche ein.

Charakteristisch für den Hochrhein sind sowohl überhängende Steilufer als auch sand- und kiesreiche Flachuferzonen. Typische Elemente von Auenlandschaften. Frisch angenagte Bäume lassen darauf schließen, dass der größte europäische Nager, der Biber, sich hier sichtlich wohl fühlt.

Am Grenzübergang in Koblenz nach Waldshut-Tiengen herrscht Hochbetrieb. Vor allem der LKW-Transit Verkehr sorgt für einen Rückstau und viel Lärm. Die Zollbeamten beider Seiten haben alle Hände voll zu tun.

Nachdem wir die Brücke über die Aare, die unmittelbar hinter Koblenz in den Rhein mündet, überquert haben, wandern wir über einen kleinen Pfad entlang des Rheins weiter. Es herrscht wieder Ruhe, nur der Belag des Weges knirscht ab und zu unter den Füssen. Gegen Mittag zeigen sich die ersten Wolkenlöcher am Hochrhein. Jüppen Schmittenau und Leipstadt sind die nächsten Orte auf unserer Route. Der Kühlturm des Kernkraftwerks Leipstadt prägt das Bild meiner Blickachse nach Westen für lange Zeit.

Über den Steg Schwaderloch wandern wir wieder nach Deutschland um in Albbruck nach dreißig gelaufenen Kilometer ein Zimmer zu suchen. Erfolglos wie sich schnell herausstellt. Bevor ich einen „Umweg“ zu einer Übernachtungsmöglichkeit mache, entschließe ich mich mit Emma noch sechs Kilometer auf Deutscher Seite bis Laufenburg zu wandern.

Kein idyllischer Wanderweg wie auf der schweizer Seite. Harter Asphalt, immer an der Straße entlang und Emma immer an der Leine. Morgen werde ich wieder die Rheinseite wechseln. Am Hochrhein macht es viel mehr Spaß in der Schweiz am Rhein zu wandern. Die kleinen gelben Hinweisschilder und kleinen Richtungsanzeiger „Wanderweg“ lassen kein Verlaufen zu.

Am Ortanfang in Laufenburg folge ich dem Schild „Alte Post, Rheinterrasse“. Das schöne, alte Haus steht direkt am Rhein. Der Speisesaal des Restaurants liegt direkt an der Rheinwasserkante. Leider ist das Restaurant montags geschlossen. Aber ich bekomme ein Zimmer für mich und Emma.

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Webtagebuch 24. Oktober

Ein Wetter zum Hundeweglaufen, nebligtrüb, mal Nieselregen, mal starker Regen und hundekalt. Kein besonders tolles Hundewanderwetter. Da bin ich doch hundefroh, dass mein Herrchen einen zweiten Ruhetag eingelegt hat.
Wenn mein Herrchen einen Ruhetag einlegt krieg ich das als Hund sofort mit. Abends schaltet er an seinem Handy den Weckton aus, da weiß ich sofort: morgen wird länger geschlafen. Dann kann ich mich auch auf eine lange Hundenacht einstellen und von den vergangenen Hundewandermonaten träumen. Gerade in den letzten Wochen hatte ich einige Begegnungen mit anderen Hunden. Da haben einige ganz schön die Augen gerollt und mich angemacht. Aber wenn mein Herrchen merkt, dass es zu eng wird, nimmt er mich an die Leine und wir ziehen weiter. Ziemlich ungerecht. Ich glaube, da wäre die eine oder andere gute Hundepartie für mich drin gewesen.

Na ja, wir sind ja noch einige Wochen unterwegs. Mal sehen was mir noch so alles an Hundekandidaten begegnen wird. Andererseits wird es jetzt bald richtig kalt, da begegnen uns wahrscheinlich nicht mehr so viele Vierbeiner. Und im Herbst beginnt ja auch die Jagdsaison. Da muss ich sicherlich öfter an die Leine. Nicht dass mich noch so ein verrückter Jäger erschießt.

Gestern hat sich mein Herrchen für die kalten Tage einen Hut aus Filz gekauft. Ich muss mich erst noch daran gewöhnen, Herrchen mit Hut. Ich hab’ ja mein Fell auch für die kalten und nassen Hundetage aber meinem Herrchen fehlen auf dem Hinterkopf einige Fellhaare. Da muss er gucken, dass er nicht krank wird. Wir wollen ja in vier Wochen zu Hause sein.

Vergangene Nacht habe ich von unserer Wanderung zum südlichsten Punkt Deutschlands geträumt. Dass war ein supertoller Hundetag. Kein Verkehr, kein Auto. Neun Stunden laufen und rumtoben ohne Leine. Ein Hundeparadies war das. Und überall fantastische Duftspuren die ich niemals zuvor irgendwo gerochen hatte. Oben in den Bergen hat die Sonne geschienen und ab und zu haben wir auch einige Wanderer getroffen, die ich alle begrüßt habe. Das macht man so im Hundeleben, mit freundlich wedelndem Schwanz Hallo sagen.

Manchmal gehen Menschen an uns vorbei, die nicht einmal ‚Guten Tag’ sagen. Haben die eigentlich keine Hundeschule, ich meine natürlich Menschenschule, besucht? Dann merke ich, dass sich mein Herrchen darüber aufregt, wenn Menschen, die uns irgendwo begegnen, nicht einmal seinen Gruß erwidern. Ich finde auch, dass sich das nicht gehört. Die sind ganz schön blöd.

An Ruhetagen kann ich den ganzen Tag rumliegen und mich von einer Ecke in die andere kuscheln. Meistens gibt es dann auch eine extra Runde Kuscheln mit Herrchen und kleine Extraportionen Leckerli. Herrchen muss dann seine Wäsche waschen, sitzt am seinem kleinen viereckigen, schwarzen Kasten und beantwortet Mails, wie er sagt. Außerdem telefoniert er dann öfter mit Freunden, die ich auch kenne, oder auch mit Menschen, die ich wahrscheinlich bald kennen lernen werde. Immer was Neues, Tag für Tag, da muss ich ganz schön die Ohren spitzen, damit ich nichts verpasse. Wir beide, mein Herrchen und ich, haben wirklich superspannende Hunde- und Menschentage in den letzten Monaten erlebt. Die nächsten Wochen werden bestimmt auch noch hochinteressant.

Also ich mach jetzt Schluss und verkrümele mich in eine warme Hundeecke.
Herzliche Hundegrüße und ein liebes Hundebussi.
Euere Emma.

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Webtagebuch 23. Oktober

In einer Schweizer Buchhandlung habe ich das Kultbuch „SCHWEIZ“ von Anna-Katharina Rickert und Ralf Schlatter entdeckt. Im Untertitel heißt es: „Alles was wir Lieben: vom Alphorn bis zum Rütlischwur“.

Während meiner Ruhetagslektüre habe ich einige Stichworte aus dem Buch herausgepickt:

1. ALPHORN: „ Zugegeben, lange Holztrompeten gibt es in vielen Ländern und Landschaften, aber in der Schweiz gilt nur das Alphorn. Schon im Jahre 1527 wurde es zum ersten Mal erwähnt, im Rechnungsbuch eines Klosters ‚zwei Batzen an einen Walliser mit Alphorn’ heißt es dort über ein Geschäft mir einem mittelalterlichen Straßenmusikanten. Die Form hat das Alphorn von den Föhren, aus denen es gemacht wird. Sie sind am Strunk gewölbt und werden in rund 70 Stunden Handarbeit geschält und ausgehöhlt bis zu einer Wanddicke von einem halben Zentimeter.
Eingefasst wurde es früher mit Rindenblättern oder Holzsteifen, heute nimmt man Peddigrohr. Ein Alphorn hat keine Klappen oder Ventile und beruht deshalb auf der Naturtonreihe. Die Länge des Horns bestimmt die Tonart. Das in der Schweiz verbreitete Fis/Ges-Horn ist 3,26 Meter lang. Je nach Landschaft kann man ein Alphorn fünf bis zehn Kilometer weit hören.
Musikerinnen und Musiker wie Elina Burki, Hans Kennel oder Balthsar Streiff (vom Duo „Stimmhorn“) versuchen mit Erfolg, das Alphorn aus den traditionellen Klammern zu lösen und seine musikalischen Facetten um Experimentelles und Jazziges zu erweitern. Dazu braucht es in der Schweiz allerdings einen ziemlich langen Atem“.

2. SCHWEIZER OFFIZIERSMESSER: „ Ob es nun offiziell Schweizer Offiziersmesser heißt oder Schweizer Armeemesser oder Schweizer Messer, in der Schweiz ist es schlicht und ergreifend das Sackmesser und es heißt, jeder rechte Schweizer müsse eins im Sack haben. Sack bedeutet in der Schweiz Hosentasche. Darin tragen es die Männer seit 1891. Alles ist geschützt am Offiziersmesser, vom aufgeprägten Schweizer Wappen bis zum Namen.
Nach dem 11. September 2001 gab es übrigens starke Umsatzeinbußen für die Messerhersteller, da auf den Flughäfen niemand mehr ein Offiziersmesser als Souvenir kaufen wollte, weil es einem vor dem Flug wieder weggenommen wurde. Seither gibt es auch Schweizer Offiziersmesser ohne Messer. Das ist dann, mit Verlaub, schon fast wie ein Schweizer Mann ohne Sack“.

3. SCHOKOLADE: „Es gibt keine weltweit gültige Vorstellung davon, wie gut Schokolade schmecken soll, aber Schweizer Schokolade trifft offenbar den Geschmack etlicher Erdbewohner: 60,5 % der Gesamtproduktion von 181 266 Tonnen gingen 2007 ins Ausland. Es wird also mehr Schokolade exportiert als im Land gegessen. Was aber nicht heißt, dass im Land wenig ‚Schoggi’ gegessen wird. Mit einem Pro-Kopf-Konsum von 12,3 Kilogramm pro Jahr sind die Schweizer Weltmeister.

4. RICOLA: „’Wer hat’s erfunden?’ – ‚Die Schweizer.’ – ‚Und wer genau?’ –‚Ricola.’ Der kleine aufgeweckte Mann – notabene der in der Schweiz wohlbekannte Volksschauspieler Erich Vock -, der mit dem roten Warnblinker auf dem Kopf kreuz und quer durch die Welt saust und den Aborigines, den Japanern und den finnischen Saunagängern die Herkunft der Kräuterbonbons nahe legt, hat Ricola ‚weltberühmt’ gemacht. Ricola ist ein traditionelles Schweizer Familienunternehmen. Emil Richterich gründete die Firma 1930, später wurde aus der Richterich und Co. in der Basler Kleinstadt Laufen der Name Ricola. Mit einem kohlebeheizten Herd, mit Kupferkesseln, Kühltisch, Spindelpresse und Drageetrommeln nahm er die Süßwarenproduktion auf, ausgehend vom so genannten Hustenwohl, einem Bonbon mit Kräutern gegen Husten und Heiserkeit.
Heute beschäftigt Ricola weltweit 350 Mitarbeiter und exportiert in rund 50 Länder in Europa, Asien, Nordamerika und seit neustem auch nach Australien. Der kleine Mann mit dem roten Warnblinker hat also noch jede Menge Kilometer abzuspulen, um den berühmten ‚Ri-co-laaaa!’-Ruf anzustimmen. Wenn er dabei nur nicht heiser wird“.  

5. SCHWYZERDÜTSCH: „Das schöne am Schwyzerdütsch ist, dass man es sagen und schreiben kann, wie einem der Schnabel gewachen ist, Hauptsache, man wird verstanden.
Hochdeutsch, sagt man hierzuland, sei die Sprache des Verstandes, Schwyzerdütsch aber die Sprache des Herzens. Eine Liebeserklärung in Schwyzerdütsch klingt etwa so: ‚Du min liebschte Schatz, ich ha di gärn und tüüf i min Härz’. Wenn Sie jetzt meinen, das stamme von Walter von der Vogelweide, dann haben Sie gar nicht so unrecht, denn das Schweizer-deutsche ist ein alemannischer Dialekt und als solcher nicht sehr weit vom Mittelhochdeutschen entfernt.
Übrigens: Wenn Sie meinen, Sie verstehen sehr gut Schweizerdeutsch, versucht der Schweizer, der mit ihnen spricht, wahrscheinlich gerade, ein möglichst gutes Hochdeutsch zu sprechen. Wenn Deutsche wiederum versuchen, Schweizerdeutsch zu sprechen, empfehlen wir zuerst einmal den folgenden Probesatz: ‚Chasch s Kafichacheli, wo im Chuchichäschtli staht, no abtröchne?’

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Webtagebuch 22. Oktober

Christian Schmid, mit dem ich am gestrigen Abend bei Schweizer Rösti und Blauburgunder zusammen saß, ist ein Kind der Grenze. Sein Vater war Grenzwächter in der Schweiz. Christian`s Satz „Meine Heimat ist die Grenze“, klingt mir immer noch im Ohr. Christian, der seit 1988 als Redakteur beim Schweizer Radio DRS1 regelmäßig mit seinen Sendungen „Schnabelweid“ und „Siesta“ zu hören ist, hat in seinem Buch „Nebenhausen“ seine Kindheit an der Grenze verarbeitet.

Im Klappentext des Buches steht:

„Anfang der fünfziger Jahre lebte das junge Grenzwächterehepaar Schmid, beide aus dem Berner Worblental stammend, mit seinen zwei Knaben zuhinderst in der Ajoie an der Grenze im Weiler Les Bornes, der auf Deutsch ‚Die Grenzsteine’ hiesse.
Die Welt von Les Bornes, die erinnert erfunden und erzählt wird, eine Welt kurz nach dem Krieg und kurz vor dem großen Aufschwung, ist voll Grenzen. Sichtbar, wenigstens streckenweise, ist nur die Landesgrenze. Dennoch sind die anderen nicht weniger fühlbar, zum Beispiel jene zwischen Bernern und Jurassiern, zwischen Deutsch und Welsch, zwischen katholisch und protestantisch, zwischen Männern und Frauen, zwischen Erwachsenen und Kindern – zwischen uns und ihnen. Einige lassen sich leicht überschreiten, andere nur mit Mühe oder gar nicht.
Die Welt von Les Bornes ist ein stilles, abseitiges Paradies ohne Ausweg – eine Welt ‚näbenuss’ würde man auf Berndeutsch sagen. Spiele und Arbeit beschäftigen hier die Hände der Kinder und Erwachsenen, aber füllen die Köpfe nicht. In ihnen ist Platz für Geschichten von Schmugglern, vom Krieg, von Bern und dem Jura, Geschichten aus dem Rucksack des Herkommens, den man mit sich trägt, Geschichten vom Hier und Jetzt und von der Zukunft. Muster werden sichtbar im Alltag und in den Geschichten. Muster, an denen man festhält, obwohl nicht mehr alle überzeugen. Mitten in dieser Welt erwacht ein Kind zur Sprache, zum Begreifen und zum Ahnen“.

Zum Abschied schreibt er mir in mein Heimatbildersammelbuch:

                        „Für mich ist die Grenze ein wichtiger
                        Teil der Heimat. Als Sohn eines Grenzwächters
                        Aufgewachsen, habe ich, drei Jahre ausgenommen,
                        mein ganzes Leben an der Grenze verbracht. Ich
                        bin zwar ein Randschweizer, von den richtigen
                        immer etwas beargwöhnt – man wohnte ja schon
                        halb im Ausland. Aber genau diese Distanz
                        brauchte ich, um mich daheim zu fühlen.
                        An der Grenze“.

Der Rhein-Wanderweg zwischen Schaffhausen und Basel verläuft nahe am Flussufer. Etwa 120 Kilometer werde ich in den nächsten Tagen Richtung Westen laufen, um dann an der Rheinbiegung wieder nach Norden zu wandern. Aufbruch in Schaffhausen am Rheinufer.
Nach etwa einer knappen Stunde führt der Wanderweg direkt an den tosenden Wassermassen des Rheinfalls vorbei.
Auf einer Breite von 150 Metern und einer Fallhöhe von 23 Metern stürzen seit über 15.000 Jahren cirka 600.000 Liter Wasser pro Sekunde herab. Seit 1983 ist der Rheinfall im Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung.
In flachen Booten, werden Besucher an die schäumende Gicht des Wassers gebracht. Ein Fels im Rheinfall ist über eine Treppe begehbar. Oben auf der Plattform ist man dem tosenden Wasser ganz nahe.

Hinter der ersten Flussbiegung kehrt Stille. Wir wandern an diesem Nachmittag entlang des Rheins und seinen Flussbiegungen über Rheinau, vorbei an Rüdingen und Buchberg. Um nach Eglisau zu kommen müssen wir über die „Rhi-Brigg“. Dort mache ich mit Emma eine kurze Rast. Bis Hohentengen sind es noch eineinhalb Stunden. Die nächsten zwei Tage ist Ruhe angesagt.

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