1986. ZURÜCK IN DIE GEGENWART. Fotografien von Michael Kerstgens

Möllerhalle, Weltkulturerbe Völklinger Hütte
25. April bis 28. November 2021

Die Straßen sind leer, die Spielplätze verwaist. Es ist Frühjahr 2020. Der Fotograf Michael Kerstgens greift zu einem alten Ordner. Darin sind Bilder, die er einst aufgenommen hat, als die Straßen schon einmal leer und die Spielplätze ebenfalls verwaist waren – im Frühjahr 1986, als die Wolke von Tschernobyl über Europa zog. Die Zeitreise beginnt.

Ab Sonntag, den 25. April 2021, zeigt das Weltkulturerbe Völklinger Hütte die Ausstellung „1986. ZURÜCK IN DIE GEGENWART“ mit Fotografien von Michael Kerstgens, die sich mit Zeitzeugnissen wie Fernsehnachrichten, Printmedien und der Diskomusik des Jahres zum historischen Zeitpanorama weitet.

Der Super-GAU von Tschernobyl ist nicht das einzige Fanal des Jahres 1986: Im Januar explodiert das Space Shuttle „Challenger“ und nach einem Großbrand im Schweizer Chemiekonzern Sandoz vernichtet Löschwasser jegliches Leben im Rhein bis weit nach Deutschland hinein. Gleich drei Schlüsselindustrien des humanen Fortschritts sind diskreditiert. Doch die Welt von 1986 besteht nicht nur aus einem apokalyptischen Abgesang der Moderne. In den Aufnahmen der Alltags-, Sport- und Freizeitkultur von Michael Kerstgens offenbart sich ein Jahr surrealer Normalität, irgendwo zwischen dem Orwell-Jahr 1984 und dem Fall der Mauer 1989. In der Völklinger Hütte endet im Juli 1986 die Roheisenproduktion, das historische Eisenwerk hat ausgedient. Überall in Deutschland wird in dieser Zeit der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft spürbar, für den das heutige Weltkulturerbe exemplarisch steht. Genau diesen Wandel hat Kerstgens fotografiert.

„1986. ZURÜCK IN DIE GEGENWART bietet einen ebenso erhellenden wie zuweilen auch erschreckenden Blick auf das bundesrepublikanische Deutschland. Nun, 35 Jahre danach, sind die Fotos von Michael Kerstgens eine einzigartige Selbst- und Generationenreflexion. Wir blicken zurück in die 80er-Jahre — in ein Spiegelbild vergangener Tage, die viele von uns selbst erlebt haben“, sagt Dr. Ralf Beil, Generaldirektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte und Kurator der Ausstellung.

Boris Becker gelingt 1986 sein zweiter Wimbledon-Sieg, in Westdeutschland feiert man das Wochenende und geht ‚shoppen‘. Doch die Freizeitkultur und das Vergnügen von Konsum und Luxus sind noch ungewohnt. „Mit besonderem Feingefühl und bestechender Präzision“, so schreibt Fotografie-Experte Klaus Honnef in seinem Aufsatz im Katalogbuch, „fangen die fotografischen Bilder von Michael Kerstgens das neue noch ungefestigte, fragile Lebensgefühl ein, und sie zeigen, dass viele Menschen, die nach und nach von ihm ergriffen wurde, es noch regelrecht einüben mussten“. Diese spezifische „Mischung aus Zuversicht und Zögerlichkeit“ hat Kerstgens in seinen Fotoarbeiten eingefangen.
„Ich hatte einfach immer die Kamera dabei, wenn wir unterwegs in der Disco, zum Spazierengehen, zum Fußball usw. waren“, erzählt Kerstgens. Er war im Alter der jüngeren seiner Bildakteure, teilte ihre Ansichten, Hoffnungen und Ängste. Als Fotograf war er einer derjenigen, die er fotografierte.

Schauplatz der Ausstellung ist die Möllerhalle mit dem spröden Charme der Industrie-Betontrichter und ihren rötlichen Stahlbetonwänden. Die eigens für die Ausstellung im Weltkulturerbe Völklinger Hütte hergestellten 41 großformatigen Fotografien auf Alu-Dibond werden begleitet von ausgewählten multimedialen Zeitzeugnissen: von der „Tschernobyl“-Tagesschau über die Diskomusik des Jahres bis zur Titelseite der „Bild“-Zeitung, die den Boris Becker-Sieg in Wimbledon feiert. Jane Fondas „Advanced Body Workout“ ist ebenso filmisch zu erleben wie das Ende der Völklinger Hütte im Juli 1986 oder die Explosion des Space Shuttle „Challenger“. „Tempo“-Hefte zeugen vom Zeitgeist wie auch das Original-Plakat des „Star Trek“-Films, der Fotobuch und Ausstellung den Namen gegeben hat.

Ralf Beil konstatiert: „Ziel der Ausstellung ist auch eine Schule des Sehens. Die großformatigen Fotografien erlauben die Entschlüsselung sprechender Details: von der Fan-Beschriftung auf den Wildlederstiefeln bis zu den Knien des Arbeiters in kurzen Hosen bei einer Radtour.“

In den Fotografien, so beschreibt es Michael Kerstgens, geht es „um Freizeit, Konsum und die Wochenenden in der westdeutschen BRD, aber eben nicht nur darum“.

Mit dem Abstand von 35 Jahren stellen sich beim Betrachten der Bilder nicht nur nostalgische Gefühle, verblüfftes oder erschrecktes Wiedererkennen ein, sondern es steht auch die Frage im Raum, wie viel die Achtziger mit den globalen Problemen von heute zu tun haben. Permanentes Wachstum ist spätestens in diesem Jahrzehnt zum absoluten Mantra der westlichen Industriestaaten geworden. Doch wie hoch ist der Preis, den wir heute dafür bezahlen? „Damals siegt der Walkman noch über das Waldsterben. Heute künden alle Endgeräte von der Klimakatastrophe“, bringt es Kurator Ralf Beil auf den Punkt.

Was entdecken Sie bei Ihrer Reise „zurück in die Gegenwart“ von 1986?

 

Der Fotograf

Michael Kerstgens ist Professor für Fotografie an der Hochschule Darmstadt. 1986 erhielt er als Fotografiestudent an der Folkwang-Hochschule in Essen ein Stipendium vom „Verband Deutscher Wohnwagenhersteller“ zum Thema „Freizeit“. Bei der Essener Wohnwagen-Messe im Oktober 1986 wurden die Fotoprojekte der vier Stipendiaten ausgestellt. Danach verschwanden Kerstgens Farb-Kontaktbögen und Filme in einem schnöden Leitz-Ordner. Seine Fotoprojekte zu jüdischem Leben in Deutschland, den „ZwischenZeiten“ nach dem Fall der Mauer oder zum großen Streik britischer Bergarbeiter 1984/85 haben international für Furore gesorgt.

 

Das Fotobuch

Zur Ausstellung erscheint das Fotobuch „Michael Kerstgens – 1986. Zurück in die Gegenwart | Back to the Present“ im Verlag Hartmann Books, Stuttgart, mit Texten von Klaus Honnef, Ralf Beil und Michael Kerstgens sowie einer Chronologie zum Jahr 1986, Deutsch/Englisch, 176 Seiten mit 98 farbigen Abbildungen, Hardcover mit Prägung, 34 Euro im Buchhandel, Sonderpreis in der Ausstellung 28 Euro.

 

 

 


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