Denkanstösse für die Zukunft des Saarlandes

Das Weltkulturerbe Völklinger Hütte als Ideenlaboratorium

Die deutsche Solartechnik, melden die Zeitungen, wird immer mehr zum Exportschlager. Demnach erwartet die Branche für das Auslandsgeschäft 2007 ein Umsatzplus von mehr als 50 Prozent auf über 1,5 Milliarden Euro. Das ist eine kleine Sensation. Sensationell ist auch der Loremo. So heißt der schnittige Flitzer, den eine kleine Münchener Firma konstruiert hat. Er verbraucht nur anderthalb Liter auf 100 Kilometer, fährt 160 Sachen und kostet nicht mehr als 11.000 Euro.
Das sind Schlagzeilen, die noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wären. Sie machen vor allem eines deutlich: Für aktive Zukunftsgestaltung braucht es Mut und kluge Köpfe. 25 dieser klugen Köpfe kamen am vergangenen Mittwoch im Weltkulturerbe Völklinger Hütte zusammen. Ort des Geschehens: die Erzhalle des Weltkulturerbe Völklinger Hütte. Wo bis 1986 der tonnenschwere Rohstoff des ehemals florierenden Eisenwerkes lagerte, soll nun ein sehr viel flüchtigerer Schatz gehoben werden: Ideen und Denkanstöße für die Zukunft des Saarlandes.
Ideenlaboratorium nennt sich dieses Projekt, zu der das Weltkulturerbe Völklinger Hütte an mehreren aufeinander folgenden Terminen einlädt. Der Startschuss Anfang Februar mit 50 leitenden Beamtinnen und Beamten aus saarländischen Ministerien übertraf alle Erwartungen.
Das jetzige Team bestand aus 25 Teilnehmern, die „für uns den Aspekt der Wirtschaft repräsentieren“, wie es Meinrad Maria Grewenig in seiner Begrüßung ausdrückte. Der Generaldirektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte wählte die Formulierung mit Bedacht. Eingeladen waren nicht nur Macher wie Unternehmer und Selbständige, sondern auch Arbeitslose als Vertreter der Kehrseite des Wirtschaftsprozesses.

Ziel ist es, die gesamte Gesellschaft des Saarlandes einzubinden. Das geht auch aus der Zusammensetzung der noch ausstehenden Zukunftswerkstätten hervor. Deren Mannschaften rekrutieren sich unter anderem aus den Bereichen Kunst und Kultur, Innovation und Forschung und nicht zuletzt aus einem Umfeld, das die Veranstalter programmatisch als Schule der Zukunft bezeichnen. Schließlich wird das Team des Weltkulturerbes Völklinger Hütte mit der Stadt Völklingen selbst eine Zukunftswerkstatt bestreiten. Die Ergebnisse finden Eingang in das Projekt „Genius I. Die Mission: entdecken erforschen erfinden“, die das Weltkulturerbe Völklinger Hütte ab 13. Mai 2007 zeigt.
Der besondere Reiz dieses Völklinger „Ideenlaboratoriums“ liegt darin, dass jede der eingeladenen Gruppen ganz unterschiedlich an die gestellte Aufgabe herangeht. Lediglich die Ausgangsposition ist die gleiche. Denn wer den Blick nach vorne wagt, muss auf dem steinigen Boden der Tatsachen beginnen. Und er muss sich darauf einlassen, ungewohnte Wege zu gehen.
„Wir kochen für Sie ein wunderbares Gericht“, versprach Prof. Anja Grothe den 25 erwartungsvollen Teilnehmern gleich zu Beginn. Die Berliner Professorin für erwies sich gemeinsam mit ihrem Kollegen Dr. Matthias Teller als geschickte Moderatorin der aktuellen zweiten Völklinger Zukunftswerkstatt. Dabei drehte sie die goldene Küchenregel von den vielen Köchen, die den Brei verderben, einfach um: Je mehr Köche, desto besser der Zukunftscocktail.
Den Anfang machte eine Zeichenübung. Die Teilnehmer sollten die Bilder festhalten, die ihnen beim Gedanken an die Zukunft durch den Kopf gingen. Nicht wenige schauten daraufhin ratlos auf das weiße Papier. „Wir dürfen wirklich nichts schreiben?“, fragten sie verunsichert. Die meisten hielten sich daran und brachten sich bei der anschließenden Vorstellung der Bilder engagiert ein.
Jetzt war das Team in Fahrt, die Arbeit konnte beginnen. Was läuft im Saarland falsch? Woran fehlt es? Was muss sich ändern? So lauteten die Fragen zum Einstieg. Am Ende war die breite Pinwand gepackt voll mit Stichwörtern. „Es gibt ein großes Potential für Veränderungen“, stellte Matthias Teller sachlich fest.

Daran wurde in der Folgezeit gearbeitet – mit wachsender Begeisterung. Es ging darum, aus den gefundenen Kritikpunkten Wünsche zu destillieren und dabei der Phantasie freien Lauf zu lassen. Im Mittelpunkt standen Themen wie Bildungsmisere, Werteverfall, Politikverdrossenheit, Kulturverlust und das mangelnde Profil des Saarlands als eigenständige Region. In kaum zwei Stunden formten die Teilnehmer all diese negativen Begriffe zu durchweg spannenden Utopien um. Da war etwa die Rede von neuen Formen der Bürgerbeteiligung in Gestalt wöchentlicher Abstimmungen mittels Televoting.


Das Saarland avancierte zum Herzland Europas und zum experimentellen Raum für alternative Lebensentwürfe bis hin zu kibbuzähnlichen Strukturen. Vor dem Hintergrund der augenblicklichen Bildungsdiskussion entstand der Entwurf eines durchgängigen Mentorensystems vom Kindergarten bis zur Hochschule. Ein anderer Vorschlag zielte kurzerhand auf die Schaffung eines Superministeriums für Kultur. Eine besonders innovative Arbeitsgruppe, die ihre Ergebnisse im Rahmen einer „Talkshow“ präsentierte, verkündete im Zeitungsstil: „Das Saarland hat sich entschieden, seine Landesregierung zu entlassen und als Aktiengesellschaft geführt zu werden.“


Alles Schnapsideen? Ähnlich wie das 1,5-Liter-Auto oder die boomende deutsche Solartechnik? Tatsächlich sind Utopien unverzichtbar, weil sie die Richtung vorgeben. Ansätze zu ihrer schrittweisen Umsetzung gibt es genug. Zum Beispiel Sonnenenergie: gerade auf diesem Feld hat das Saarland bereits heute einiges zu bieten. Das gilt speziell für das Solarkraftwerk am Saarbrücker Flughafen, das zu den größten seiner Art in Deutschland zählt.

Davon ausgehend entwickelte das Team des Völklinger Ideenlaboratoriums den Gedanken einer Teststrecke für Solarfahrzeuge an der Saar. Zuständig, so hieß es, sei das Wirtschaftsministerium des Landes. Die Prognose für die Realisierung des Projekts: zwei Jahre.

Auch sonst ließen es die Teilnehmer nicht an dem nötigen Praxiswillen fehlen. So testeten sie zum Abschluss gleich mehrere ihrer Entwürfe auf Machbarkeit. Die „Saarland AG“ gehörte nicht dazu. Regelmäßige Bürgerbefragungen per Televoting konnten sich die meisten dagegen schon für das kommende Jahr vorstellen, zumindest auf kommunaler Ebene. Als potentielle ausführende Behörde wurde das statistische Landesamt ins Feld geführt.

Am Ende waren manchen Teilnehmern die Ergebnisse zu dünn – sie hätten gern mehr herausgeholt. Andere fragten sich, warum das Saarland angesichts so vieler sprühender Ideen und Potentiale nicht längst viel besser dastünde. Beide Reaktionen sind Ausdruck derselben Begeisterung. Das Völklinger Ideenlaboratorium ist, so scheint es, auf einem guten Weg. Dass sie bislang überhaupt greifbare Resultate hervorbrachten, ist ein enormer Erfolg. Ihr eigentlicher Wert liegt jedoch darin, dass es sie gibt: als gesellschaftliche Plattform, um die Zukunft des Saarlands zu diskutieren und sie mit Inhalt zu füllen. Wo gibt es das sonst?


Hintergrund Projekt „Genius I. Die Mission: entdecken erforschen erfinden“:

Das Projekt „Genius I“ ist die spannende Erlebnisreise zu den Wünschen, Sehnsüchten und Träumen der Menschheit. Seit dem Beginn der menschlichen Kultur ist der Genius die göttliche Verkörperung der im Menschen wirkenden Kraft des Geistes und der Ideen. 'Die Mission: entdecken erforschen erfinden' führt die Besucher zu den sieben großen Themenwelten, die das weite Panorama der bedeutsamsten Erfinderschritte von der Antike bis zur Gegenwart aufspannen und den Genius der Erfindungen lebendig werden lassen. Außergewöhnliche historische Exponate, bedeutende Erfindungen, Multimedia-Installationen und Experimentierstationen lassen die Besucher ab 13. Mai 2007 im Weltkulturerbe Völklinger Hütte in der 6000m2 großen Gebläsehalle die Wunderwelt der Innovation entdecken, erforschen und erfinden und machen den Geist und das Leben ihrer Erfinder spürbar.

Hintergrund zum Ideenlaboratorium:

Die Ideenlaboratorien sind Denkanstösse für die Zukunft des Saarlandes und ein entscheidender „Baustein der Innovationsstrategie des Saarlandes“, die derzeit weiter entwickelt wird.

Alle sieben Völklinger Ideenlaboratorien zwischen Februar und Mai 2007 orientieren sich am Vorbild der Zukunftswerkstatt der Zukunftsforscher Robert Jungk, Rüdiger Lutz und Norbert R. Müllert. Diese begründeten eine die Phantasie anregende Methode, um neue Ideen oder Lösungen gesellschaftlicher Probleme zu entwickeln. Werkstatt und Denkfabrik will in dieser Tradition auch das Weltkulturerbe Völklinger Hütte sein, um wichtige Zukunftsfragen für das Saarland zu stellen und erfolgreich zu lösen.

www.ideenlaboratorium.eu


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