Leben mit der Völklinger Hütte: Zeitzeugen berichten.

Großes Zeitzeugenprojekt des Saarländischen Rundfunk und des Weltkulturerbes Völklinger Hütte

Kooperationsprojekt Saarländischer Rundfunk und Weltkulturerbe Völklinger Hütte / „Archiv der Erinnerung“ / „Gedächtnis der Völklinger Hütte“ / einzigartiges „Oral History“- Projekt

Seit November 2000 arbeiten das Weltkulturerbe Völklinger Hütte und der Saarländische Rundfunk gemeinsam an dem umfassenden Kooperationsprojekt „Leben mit der Völklinger Hütte: Zeitzeugen berichten“. In ausführlichen Interviews berichten Zeitzeugen aus ihrem Leben mit und auf der Völklinger Hütte. Die spannenden Lebenserinnerungen und Lebensgeschichten dieser Zeitzeugen haben ein einzigartiges „Oral History“-Projekt hervorgebracht, von dem nun erste Ergebnisse via Internet präsentiert werden können.

„Es war höchste Zeit, die Geschichte des Arbeitsalltags von Hüttenarbeitern vor dem Vergessen zu bewahren“, sagten Dr. Meinrad Maria Grewenig, Generaldirektor des Weltkulturerbe Völklinger Hütte (WVH), und Fritz Raff, Intendant des Saarländischen Rundfunks. Der Arbeitsalltag jener, die in Völklingen auf der Hütte "geschafft" und mit der Hütte gelebt hätten, habe in der Erinnerung der Saarländerinnen und Saarländer langsam zu verblassen begonnen. Erinnerungen drohten ganz verloren zu gehen. Also habe man beschlossen, die noch lebenden Zeitzeugen systematisch zu befragen. Entstanden sei dadurch ein trimediales und regionalgeschichtlich wohl einzigartiges Projekt, das der Erinnerung dient und das mit den medialen Mitteln der Gegenwart und für die Sicherung dieser Erinnerung in der Zukunft arbeite. „Das Projekt „Zeitzeugen“ ist neben vielen anderen namhaften Kulturprojekten ein weiteres Beispiel für das Engagement des Saarländischen Rundfunks als einem der wichtigsten Kulturträger im Saarland.“

Ziel des umfassenden „Oral History“-Projektes ist es, ein „Archiv der Erinnerung“ zu schaffen. Hierbei sollten nicht nur die Namen und unpersönliche Fakten archiviert, sondern vielmehr ganzheitlich die Erfahrungen und Erlebnisse der Zeitzeugen, untermalt und bestärkt durch ihre Mimik und Gestik, dokumentiert werden. Dies wurde in Form ausführlicher Interviews in einem eigens dafür hergerichteten SR-Fernsehstudio umgesetzt, konzipiert vom Weltkulturerbe Völklinger Hütte, durchgeführt und archiviert vom Saarländischen Rundfunk. Das Ergebnis: Pro Zeitzeuge bis zu fünf Stunden Filmmaterial, voll von fesselnden Geschichten und persönlichen Details. Dieses Material wird in den nächsten Jahren umfänglich weiter bearbeitet und der Öffentlichkeit sukzessive in verschiedenen medialen Präsentationsformen vorgestellt. „Das Gesamtwerk wird im kommenden Jahr im SR-Hörfunk und im SR-Fernsehen in einer Reihe von Hörfunk- und Fernsehsendungen dargestellt und im Internet auf www.sr-online.de/zeitzeugen abgebildet. Per Mausclick kann man sich von den Zeitzeugen in die Vergangenheit der Völklinger Hütte und der dort arbeitenden und lebenden Menschen führen lassen. SR 2 KulturRadio hat bereits Zeitzeugen-Sendungen im „Thema“ um 9.04 Uhr gesendet.“, sagte Frank Johannsen, der stellvertretende Programmdirektor des Saarländischen Rundfunks.

„Das Zeitzeugenprojekt „Leben mit der Völklinger Hütte: Zeitzeugen berichten“ gibt zum ersten Mal umfassend aus allen Arbeitsbereichen der Völklinger Hütte einen tiefen Einblick in den Tagesablauf und die Befindlichkeiten der Hüttenarbeiter. Dieser Schatz an historischer Dokumentation wird es in den nächsten Jahren ermöglichen, das Leben mit der Völklinger Hütte bis in die subjektiven Erlebnisbereiche der Menschen darzustellen. Die journalistisch geprägte Herangehensweise an die Zeitzeugen garantiert, dass Zeitgeschichte spannend und emotional erlebt werden kann. Für uns ist dieses Archiv der Zeitzeugen-Aussagen eine bedeutende Basis für unsere weitere Arbeit“, sagt Meinrad Maria Grewenig, Generaldirektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte.

Erste Ergebnisse werden bereits seit 2004 im Science Center Ferrodrom® präsentiert. Hier sind Monitore aufgestellt, auf denen die Besucher Ausschnitte dieser filmischen Dokumente ansehen können. Dieses neue „Gedächtnis der Völklinger Hütte“ soll in Zukunft erweitert und verbessert werden. Die Erzählungen der Zeitzeugen werden ab 1. April 2007 im multimedialen Dialog lebendig: die digital aufgenommenen Redner führen zu verschiedenen Themenbereichen „Unterhaltungen“ und ergänzen oder widersprechen sich gegenseitig in ihrer Ansicht über das Erlebte.

Ebenfalls ab 1. April 2007 werden drei Terminals am Puls des Geschehens an den ehemaligen Arbeitsplätzen der Zeitzeugen installiert, von denen aus der Besucher direkt auf die Filmdokumente zugreifen kann. Auch hier genügt ein „Mausklick“, um sich von Zeitzeugen erzählen zu lassen, wie es damals war „auf der Hütte in Völklingen“. So erhalten die Besucher hautnah Zugang zu jenen Menschen, die damals „dabei“ waren. Diese Menschen haben das Leben in der Völklinger Hütte selbst ge-lebt und die Völklinger Hütte durch ihre Kraft be-lebt. Die Besucher können nun diese besondere Perspektive aufgreifen, in den Dialog einsteigen und Position zum Gesagten beziehen.

Befragungsrahmen
Grundlage der Zeitzeugenbefragungen bildete ein Befragungsrahmen, der verschiedene Themenbereiche erfasst. Die Interviews wurden allesamt von Historikern durchgeführt. In den Gesprächen leiteten die Interviewer den Befragten oder die Befragte „sanft“ auf dem Weg der Befragung. Prinzipiell waren die Interviews offen, d. h. es blieb Platz für Exkurse und Abweichungen. Dennoch wurde ein vorgegebener zeitlicher Rahmen eingehalten.

Der Befragungsrahmen befasste sich mit Themenbereichen, die die Völklinger Hütte als Arbeitsplatz betreffen, sozialen Aspekten des Arbeitslebens und dem Leben in der Stadt Völklingen im Allgemeinen. In welcher Arbeitssituation befanden sich die Befragten? Wo und wie verbrachten sie ihre Pausen? Wie ging man mit Unfällen, wie mit Feierlichkeiten, wie mit dem Wetter um? Wie gestalteten sich Freizeit und Familienleben in Völklingen, im Umfeld der Völklinger Hütte und im Saarland? Um diese Fragen zu beantworten kommen die Arbeiter verschiedenster Arbeitsbereiche zu Wort. Ein Hochöfner erzählt vom immer wieder besonderen, aber ebenso gefährlichen Ereignis des Hochofenabstichs. Ein Arbeiter der Kokerei schildert, wie man am heißesten Arbeitsplatz der Eisenhütte mit dem beißenden Qualm und den unmenschlichen Temperaturen fertig wurde. Ein Arbeiter der Sinteranlage berichtet Anekdoten vom allgegenwärtigen roten Sinterstaub. Einen besonderen Überblick liefert der damalige Werksfotograf. Er war einer der wenigen, der das gesamte Hüttengelände begehen durfte und somit gibt er Einblicke, die kaum ein anderer liefern kann. Denn dem normalen Arbeiter war es nicht erlaubt und möglich, sich abseits seines Arbeitsplatzes auf dem Gelände zu bewegen.

Tipp: Auf der Homepage des SR unter www.sr-online.de/zeitzeugen wird ab sofort umfassend über das Projekt berichtet.

Generaldirektor, Intendant und stellvertretender Programmdirektor danken in diesem Zusammenhang noch einmal besonders herzlich allen Zeitzeugen, die viel Zeit und Kraft investiert und ihr Fach-Wissen und ihre Lebenserinnerungen in den Dienst dieses Projekts gestellt haben.


Hintergrund:
Oral History
Oral History ist eine spezielle Methode der Geschichtswissenschaft, welche die Geschichtsschreibung um typische Alltagsgeschichte ergänzt. Sie beruht auf der Befragung von Zeitzeugen. Seit jeher ist sie für die Volkskunde wichtig und heute vermehrt für die Sozial- und Lokalgeschichte relevant. Mit Oral History-Methoden erforschen Historiker insbesondere die Alltagsgeschichte von Personen aus der jüngeren Geschichte, für die es nur wenige schriftliche Quellen gibt - und auch diese nur zu speziellen Anlässen. Durch Interviews von Zeitzeugen und die mündliche Befragung von Betroffenen gehen die Historiker den persönlichen Geschichtserfahrungen und jenen Aspekten der Vergangenheit auf den Grund, die die Menschen jenseits des politischen Geschehens bewegten. Der Terminus „Oral History“ kam in den 1930er-Jahren auf und wird seit den 1960er-Jahren auch im deutschen Sprachraum verwendet.


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